Stella Polare, Ostia (2)

Das Meer war in meiner Kindheit etwas sehr Bestimmendes, weil waehrend des Schuljahrs immer die Sehnsucht aufgetaucht ist, dass endlich der Sommer anbricht, wo man zumindest mit Mutter ans Meer faehrt. Jedes Jahr hatte diese Zaesur: die Zeit vor und nach dem Meeraufenthalt.
Wie damals bin ich jetzt jedes Mal ergriffen, wenn ich ans Meer auch nur denke: es erscheint mir geheimnisvoll und maechtig, gefaehrlich, ein unbeherrschbares Element, das auch sanft und beruehrend sein kann.
Beim ersten Mal in Ostia hat mich Edith zum Strand begleitet, und wir genossen Sand und Salzwasser. Ich fuehlte mich schnell aufgeladen. Allerdings war eine starke kuehle Brise zu spueren, und Edith bekam bald Ohrenschmerzen.
Beim zweiten Mal fuhr ich allein. Ich wollte nur aufs Meer schauen und nachdenken. Leider gab es dort kein offenes Café. Ein Mann wollte mich einladen, von seinem Kaffee in der Thermosflasche zu trinken, was ich überhoerte.
Niemand im Wasser. Ich in einem Sommerkleid, um zu demonstrieren: Für mich ist jetzt Sommer. Die Italiener hingegen gut verpackt, alle in Jacken.
Ich ging zuerst einmal ins Wasser, bis es mir bis zu den Knien reicht. Waehrend beim ersten Mal ploetzlich wie aus dem Nichts eine weisshaeutige Nackte neben mir und Edith ins Wasser stuermt, sich auch hineinwirft und hinausschwimmt, tut das diesmal niemand. Es gibt nur Laeufer, Maenner mit Hunden, einige Jugendliche, die sich auf Decken hingelegt haben und aneinander kuscheln. Zwei Maedchen, die Ball spielen.
Während ich zur Mole hin blicke, die im Norden ins Meer hineinreicht, erinnere ich mich an den winzigen Strand von Sorrento, den Steilabfall, das Hotel Cristallo, das offene Fenster, das kuehle Bett, die Brise, die von draussen hereinweht, das weisse Schiff, das in einiger Entfernung ankert – ein so seltenes Wohlgefuehl, eine sich dehnende bleibende verantwortungslose Zeit, als wuerde das Vorher und Nachher nichts bedeuten.
Damals hatte ich beschlossen, am naechsten Tag mit dem Schiff nach Capri zu fahren. Dort machte ich den Fehler, nach Anacapri den Bus zu nehmen. Der Fahrer brauste mit grosser Geschwindigkeit auf einer sehr schmalen kurvigen Strasse hinauf, immer am Abgrund entlang. Noch nie hatte ich eine solche Angst gehabt.
Hinunter fuhr ich nicht mit dem Bus, sondern nahm mir mit zwei jungen uebermuetigen Frauen ein Taxi. Es war, wie anscheinend alle Taxis auf Capri, ein weisses Cabrio. Der Fahrer liess sich von uns das Tempo vorschrieben, wir glitten hinunter. An einer Stelle überholte uns der Bus.
An genau dieses Gefuehl dachte ich in Ostia: warmer Fahrtwind, langsam, beinahe lautlos einen Berg hinunter, auf das Meer zu, ein schoener androgyner Fahrer (der Daniela Sea sehr aehnelt) , ein weisses Cabrio.
twoblogs - 28. Apr, 11:25
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