Stella Polare, Ostia (1)

Sie sind in Rom und können mit der Metrokarte, nachdem Sie bei Piramide umgestiegen sind, ohne aufzuzahlen direkt ans Meer fahren. Und dabei sind Sie in Gesellschaft eher gedaempft agierender Menschen, solcher, die zum Strand fahren, solcher, die zur Arbeit in einem Café fahren, solcher, bei denen nicht klar ist, was sie vorhaben. Es herrscht also keineswegs eine aufgekratzte Stimmung.
Dazu kommt, dass die Strecke abgrundtief haesslich ist: man sieht Abfallplaetze, Verschlaege, Lagerstaetten, kleine Betriebe, erst kurz vorm Meer kleine Haeuseransammlungen – eine Gegend, in der Sie wohl nicht gern leben wuerden. Und auf den Feldern und Strassen ist kaum jemand unterwegs.
Allerdings: Ostia antica, zwei Stationen vorm Meer, ist eine Ausnahme. Da ueberfiel mich die Erinnerung an den letzten Besuch dort, ich im orangen Mantel, kuehler windiger Maerztag im Jahr 2007. Edith war damals viel zu leicht angezogen, sie fror; aber sie hatte ihren rot-weissen Swiss-Schirm mit, den sie allerdings nicht einsetzen musste. Doch ihre Spezialbrille im Hotel liegen lassen, was ihr den Spass am Spaziergang in der Antike ziemlich vermieste.
Ich stieg nicht in Ostia Centro aus, weil mir da der Weg zum Meer vergleichsweise lang erschienen ist, sondern in Ostia Stella Polare. Der Strand ist durch einen hohen Zaun zur Straße hin abgegrenzt. Aber jemand sagte mir, wo es einen Zugang gibt. Erstaunlich, wie wenig Cafés und Geschaefte offen hatten.
An einem Strand empfinde ich immer eine Art Ehrfurcht, so verwahrlost der auch sein mag. Ich befinde mich an der Trennlinie zwischen Wasser und Land, an einem Ort, wo das Wasser des Ozeans auf die Kueste trifft, das die direkte Verbindung zu allen Meeresorten der Erde symbolisiert. Es gibt dazu ja auch konkrete Forschungen ueber den Verlauf der Meeresstroeme.
Inzwischen haben sich auch Quietschentchen zur wissenschaftlichen Auswertung angeboten. Seit 15 Jahren treiben naemlich an die 30.000 der in China gefertigten „Friendly Floaties“ durch die Weltmeere, und sie wurden schon in Australien, Indonesien und Südamerika gefunden, aber auch in Alaska zwischen Maine und Massachusetts.
Natuerlich erhoffte ich mir, einen solchen widerstandsfaehigen kleinen Botschafter aus der Welt der globalisierten Warenproduktion zu sichten. Doch obwohl ich eine Strecke von mehr als fuenf Kilometern abging, fand ich nur das uebliche Strandgut, Muscheln, Plastik– und Holzabfaelle.
Gleich dachte ich: Ich werde noch ein zweites Mal hierher fahren! Vielleicht habe ich da mehr Glueck, und ich kann Edith mit einer von Wind, Wetter und Wellengang gegerbten echten chinesischen Plastikente ueberraschen. Dann schuettle ich meinem Rucksack, und sie muss raten, was das darin ist!
twoblogs - 23. Apr, 13:13
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