Schlechtes Gewissen, Scham

Ich komme noch einmal auf die Haendyfotografin zurueck. Ich habe sie in der Zwischenzeit mehrmals getroffen.
Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, sagte Anna. Es geht um sexuelle Gewalt in jeglicher Form, egal, ob ich so etwas lese oder in einem Film sehe. Es geht um Vergewaltigungsphantasien, die ich zwanghaft fuer normal bei Frauen gehalten habe. Ich kenne einige Frauen, denen es genauso ergeht. Sie sagen, ich sollte mich deshalb nicht verurteilen. Ich habe mich aber immer nachher geschaemt.
Im weiteren Gespräch kam heraus, die sie als Gymnasiastin oft auf einen Volksschueler aus der Nachbarschaft aufpassen musste. Irgendwann kam ihr der Gedanke, sie muesste ihm zwischen die Beine greifen. Es sei sehr schwer gewesen, sich davon zu befreien. Auch davon, dass sie ihn fallweise gar nicht fuer ein Kind, sondern fuer einen Mann hielt und das Gefuehl kultivierte, er sei ihr Beschuetzer, und er sollte mit ihr endlich ihre Phantasien ausleben.
In der Pubertaet habe sie dann begonnen, zwanghaft Kurzgeschichten zu schreiben, in denen maennliche Teenager die Hauptfiguren waren. Sie habe ja auch die Idee entwickelt, sie sei in Wirklichkeit kein Maedchen, sondern eigentlich ein versteckt maennliches Wesen. Das habe sie aber wieder verdraengt.
Ungewoehnlich fand ich ihr Gestaendnis, dass sie sich damals niemals mit so einem haette einlassen wollen, zugleich aber die fixe Idee hatte, ihnen der Reihe nach die Unschuld zu rauben.
Ihr heimlicher, geheimnisvoller Garten, in dem alles so harmonisch und liebevoll ablaeuft. Aber manchmal wendet sich ein Blatt, und dann entdeckt sie das, was sie ihre paedophile Seite nennt.
Ich will das alles nicht, sagte sie, aber diese Gedanken kommen immer wieder auf. Ich habe auch noch nie jemanden gegen seinen Willen angefasst und moechte auch niemandem wehtun. Ich mache mir normalerweise sogar schon Gedanken bei den kleinsten Kleinigkeiten und habe schnell ein schlechtes Gewissen, wenn ich glaube, ich habe jemanden auch nur durch Worte verletzt.
Ihre Zwangsgedanken haetten sie in Berlin lange Zeit in Ruhe gelassen. Hier in Paris seien sie beim Anblick der Skateboard fahrenden Juenglinge hinter dem Palais de Tokyo ploetzlich wieder wach geworden: Ich bin dort am Nachmittag, bevor ich ins Gebaeude ging, lange Zeit gestanden und habe sie immer wieder dabei fotografiert, wie sie ueber die Stufen polterten oder auf der ebenen Flaeche um den quadratischen Teich. Einmal ist einer ganz in meiner Naehe hingefallen, ein hoechstens Dreizehnjaehriger, ein ganz Suesser. Er hat mich angeschaut. Ich habe seinen Blick wie ein Brandmal in meinen beiden Haenden gespuert. Ich war voellig verwirrt und aufgewuehlt.
twoblogs - 22. Okt, 11:42
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