Schlaefer im Jardin du Luxembourg

Ist es Erschoepfung oder Schlaf, was diesen Unbekannten im Jardin du Luxembourg so hingeworfen hat? Er scheint bequem zu liegen, wie fuer eine Studie, baeuchlings, so als wuerde er sich nicht beobachtet fuehlen. Ich wuerde ihm gern ins Gesicht schauen.
„Er ist schoen ... (Das lese ich.)
Es scheint, als haette sein Pullover blaue und schwarze Streifen. Es scheint, als wuerden die sich aufloesen; doch das ist nur Unschaerfe, aus der Ausschnittsvergroesserung entstanden. Im Original liegt der Mann rechts oben in einem etwa sechsmal so grossen Bild, und von rechts faellt der Schatten eines Zaunpfahls neben ihn her. Relativ lang, dieser Wink, sodass ich denken muss, es ist mindestens vier Uhr Nachmittag.
„..wie das zufällige Zusammentreffen...“ (Das lese ich.)
Insgeheim habe ich dem Mann bereits einen Namen gegeben, Isidore, und auch eine kleine Biographie hinzugefuegt. Ich habe einen voellig banalen Dialag in mir gehoert, weil ich selbst derzeit nur aus erschreckend banalen Saetzen bestehe:
Audrii, liegst du bequem?
Audrii, willst du meine Decke haben?
Audrii, warum hast du den Picknickkorb so weit weg auf den Boden gestellt?
Audrii, hast du vielleicht den Autoschluessel stecken lassen?
Audrii, warum starrst du mich die ganze Zeit so an?
„..einer Naehmaschine...“ (Das lese ich.)
Jetzt entscheide ich mich, Isidore schlafen zu lassen und ich verbiete ihm, mir solche Fragen zu stellen.
Ich schaue zum Himmel hinauf und sehe, dass Wolken aufziehen. Es wird gleich eine sehr schattige Idylle werden. Dunkle Wolkenschatten werden auf Isidore fallen, Luft und Boden werden sich schnell abkuehlen. Er wird aber laengere Zeit nichts davon merken. Vielleicht wird er auch die ersten Tropfen gar nicht spueren, aus der Ueberzeugung heraus, der Wetterbericht sei falsch gewesen, kein 70 % Risiko auf 2-3 mm Regen heute!
„...und eines Regenschirms...“ (Ich lese das.)
Ploetzlich muss ich denken, dass Isidore ein Deutscher sein koennte, ein Germanist, der einen Sommersprachkurs in Paris besucht. Er koennte gerade von Grass gelesen haben, dass es ein neues Grass-Buch gibt, "Die Box". Er wird auf keinen Fall in diese Box gehen. Auf keinen Fall soll ihm nur einen einziges Grass-Satz in Erinnerung kommen, keinen will er von irgendwoher hoeren muessen. Er ist jetzt kein Germanist mehr, kein Stilist, kein Rezensent, nur ein Schlaefer, der voellig zufrieden ist mit der eigenen Geschichte, die hier in Paris, im Jardin du Luxembourg, sicher nicht enden wird.
„... auf einem Seziertisch!“ (Ich lese das.)
Das verwerfe ich jetzt. Denn eigentlich glaube ich, dass ich bei Isidore an Isidor Ducasse gedacht habe, einen jung verstorbenen franzoesischen Dichter, der einen ganz anderen Namen aus einem Roman als Pseudonym gewaehlt hat. Von ihm stammt der Satz: „„Das Plagiat ist notwendig. Es ist im Fortschritt inbegriffen. Es geht dem Satz eines Autors zu Leibe, bedient sich seiner Ausdruecke, streicht eine falsche Idee, ersetzt sie durch die richtige Idee.“
twoblogs - 8. Sep, 10:16
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