Schein, gequetscht, keineswegs missverstaendlich

Heute packt mich der Schein–Teufel, vielleicht auch weil nebenan ploetzlich ein Laerm ertoent – jemand bohrt und bohrt in die Nachbarswand, und das ist bald zum Aus–der– Haut fahren.
Gut, ich nehme daher nach kurzer Zeit meinen Rucksack, den mit dem orangefarbenen Reissverschluss, von Ikea, der sich mit einem Handgriff zweiteilen laesst, also den leichteren vorderen Teil, der noch schwer genug ist, weil ich ja immer fuer alle Faelle ausgeruestet sein muss, gehe hinunter auf die Rue Mouffetard, setze mich in ein Café und denke ueber den Mann nach, dessen Schein–Portraet ich in der Nacht beim Lampenschein gefunden habe und dessen Zitate und Locksaetze mich haeufig frappieren, erheitern und animieren.
Unlaengst war von der "Kunstlehre des Verstehens" die Rede, aus der sich das „das Missverstehen von selbst" ergibt. Dazu der Satz, auf den ich hinauswill, waehrend sich hier vor mir auf der Place de la Contrescarpe das Leben abspielt, das beobachtenswerte, das wahre, das scheinlose in Form von Spaziergaengern, Radfahrern, Kindern, die sich auf den Ketten der Absperrung setzen, Kinder, die zu dem kleinen achttrahligen Springbrunnen in dessen Mitte laufen etc., der da lautet: „Auch der gemeine Blogger und die gemeine Bloggerin werden kaum umhin können, das Schleiermachersche Diktum aus voller Brust / Bruesten zu bestätigen.“
Noch immer im „Delmas“, wo alles ueberteuert ist, das Bier, der Café Crème etc., doch nicht unzufrieden, da ich diesen Vormittagstrubel, der ja harmlos ist im Vergleich zum Abend– und Nachttrubel mag, auch dass rundherum Franzoesisch geredet wird und ich, wenn ich nicht aufmerksam hinhoere, mich nur in einer Geraeuschkulisse befinde, die mich nicht von meinen Gedanken ablenkt.
Also zum Schein, zur ersten Schein–Attraktion, naemlich dem Ausschnitt dieses Maennergesichts, das ja den Schein–Satz voellig bestaetigt, dass naemlich das Missverstehen die Grundlage jeder Verstaendigung ist, egal welches Medium benuetzt wird.
Ich gestehe, ich liebe Missverstaendnisse, zum Beispiel dieser Art, dass ich bereit bin, dieses fragmentarische Portraet tatsaechlich fuer ein Schein–Portraet zu halten.
Ich liebe das Fragmentarische, das mich ja nicht vergewaltigt. Ich brauche dazu allerdings keine Schleiermachersche „Kunstlehre“; denn das Leben lehrt dem Maedchen von klein auf, wie produktiv Missverstaendnisse sein koennen. (Wie faszinierend in diesem Zusammenhang z. B. Maria Empfaengnis ist, 8. Dezember, ein Feiertag, unbefleckt, wobei ich – als Kind – an ganz andere Flecken dachte!)
Dieses Schein–Portraet erklaere ich heute zu meinem Sonnen–Schein, der mich in diesem Zwischenzustand zwischen Halb-, Ungefaehr– und Garnichtwissens bis zum Mittagessen „aus vollen Bruesten“ beherrschen wird, mit der Frage: Ist er’s? Ist er’s nicht?
twoblogs - 5. Sep, 10:50
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