Paris plage, Baptiste, Sarkozy, dictateur

Ich war, von der Pont de Sully kommend, quer durch die Paris plage gegangen, den Abschnitt am rechten Seine-Ufer auf der Hoehe der beiden Seine-Inseln, unter der Schnellstraße Voie George Pompidou, die auf 3,5 km für den Verkehr gesperrt ist. Unten gibt es dort laengere Streifen, die mit feinem Sand bedeckt sind. Meist sind auch Liegen aufgestellt. In einem kleinen Bereich koennen Sie auch mit einem Segway-Elektroroller Slalom fahren.
Nach der Pont de la Concorde gibt es keinen Sand und keine Liegen mehr. Zu meiner Ueberraschung bemerkte ich aber einen jungen Mann an einer Stelle, wo es anscheinend einen Abgang von der Kaimauer zum Fluss gab, allein in der prallen Sonne stehen und seinen sehr schoenen durchtrainierten Koerper einzuoelen. Er tat das mit Inbrunst und sich zugleich zur Schau stellend. Wie auch andere vorbeigehende Frauen blickte ich mit einer gewissen Bewunderung, ja Entzuecken zu ihm hin.
Er bemerkte meinen Fotoapparat und forderte mich auf, ein Foto von ihm zu machen. Ich fotografierte ihn waehrend des Naeherkommens. Er tat so, als wuerde er nicht in meinem Visier sein, benahm sich also zwanglos und natuerlich. Schliesslich machte ich noch – aus einer Entfernung von etwa drei Metern – einige Portraets.
Er laechelte, bedankte sich und bat mich, ihm zu zeigen, wie er auf den Fotos aussah. Er sagte: glaenzend (brillament). Ich konnte nur nicken, denn er glaenzte ja am ganzen Koerper, kein seidiger, sondern ein oeliger Glanz.
Auf der blauen Luftmatratze neben ihm lagen ein rosa Handtuch und einige Zeitungen, dort aufgeschlagen, wo ein Foto von Sarkozy zu sehen war. Ich sagte: Dictateur?, denn ich hatte an einigen Stufen in der Metro – nicht hier, sondern bei Bir Hakim – gelesen: „ Sarkozy – dictateur!“
Er griff das Stichwort sofort auf und sagte, Sarkozy sei kein Diktator, wohl aber Gaddafi, mit dem er einen 6-Milliarden-Euro-Atomdeal ausgehandelt habe, nach der Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern.
„Gaddafi - dictateur!“ Er halte es daher für voellig verantwortungslos, ihm modernste Atom-Technologie zur Verfuegung zu stellen. So koenne Sarkozy vielleicht in der franzoesischen Innenpolitik agieren, nicht aber in Europa, da muesse man sich abstimmen. Das sei ruecksichtsloser, nationalistischer Aktionismus. Libyen bleibe eine Diktatur, ohne jegliche Gegenmacht, von einem unberechenbaren Mann beherrscht.
Er nahm sich dann auch Koushner aufs Korn, frueherer Menschenrechtsaktivist, jetzt Aussenminister, der ohne Bedenken ein Abkommen über eine Militaerzusammenarbeit zwischen beiden Laendern unerzeichnet hat. So eine Art der "Normalisierung" sei eine Reinwaschung des libyschen Regimes, und zwar zum Zweck der Nutzung der dortigen Erdoelvorkommen und auch, um von der Modernisierung fast aller Wirtschaftsbereiche zu profitieren. Ganz zu schweigen von den nach Libyen verkauften Militaerflugzeugen. Die Ruestungszusammenarbeit bestehe nun schon seit drei Jahren.
Baptiste – er hatte sich inzwischen vorgestellt – deklarierte sich als Mitglied der Anti-AKW-Initiative Réseau Sortir du Nucléaire und ereiferte sich immer mehr ueber die skandaloesen Tauschgeschaefte der Regierung, die nur dazu dienten, um an die Energiequellen des nordafrikanischen Landes heranzukommen. "Wer Libyen ein Atomkraftwerk liefert, verhilft dem Land frueher oder spaeter zur Atombombe!“
Jetzt unterbrach ich Baptiste, um ihm nahezulegen, uns in den Schatten zu begeben. Dort wuerde ich sehr gern mit ihm weiterreden...
PS: Ein ganz anderer Baptiste lebt im Erdgeschoss rechts!
twoblogs - 21. Aug, 10:47



