Maler und Modell

Normalerweise gehe ich schon am ersten Tag in Paris ins Pompidou. Diesmal hab ich’s nicht gemacht. Ich bin aber mehr als zwei Stunden am Platz davor herumgeschweift und habe mich dann ich ein Café gesetzt, von dem aus ich die Vorbeigehenden gut beobachten und auch fotografieren konnte.
Das Foto, das ich jetzt ausgewaehlt habe, ist eines der vielen zum Thema Maler und Modell. Rund um den Platz sitzen ja mehr als zehn Schnellzeichner und warten auf ein Modell. Erstaunlicherweise hatten alle an diesem Nachmittag zu tun, selbst jene, denen ich jede Faehigkeit zu einer naturalistischen Abzeichnerei absprechen wuerde. Einige sind zumindest imstande, etwas Karikaturenhaftes mit Pfiff aufs Blatt zu bringen. Wenn jemand so etwas freut – soll sie oder er es doch als Pariser Trophaee mit nach Hause nehmen!
Mich interessieren nur diejenigen, die nahe an den Fotorealismus herankommen, ohne dass das zu angestrengt ausschaut. Es schadet auch nicht, wenn die Aehnlichkeit nur eine entfernte ist, also der oder dem Abgebildeten schmeichelt, zum Beispiel indem die Konturen verjuengt, die Falten geglaettet und die Hautunreinheiten uebersehen wurden.
Ich war sofort verknallt in dieses Bild, nicht aber unbedingt in das Modell. Das hatte keineswegs diese feinen Zuege. Auch nicht diesen beherrschten Mund und diesen herausfordernden, zugleich distanzierenden Blick.
Ich strich also um das Bild herum, nicht um das Modell, und wartete mit Neugier auf dessen Fertigstellung. Ich sah darin nicht nur ein technisch gelungenes Portraet, in das sich jemand wie ich leicht verknallen kann, sondern das Idealbild des Malers von einer Frau.
Waehrend ich bereits im Café sass, konnte ich es nicht lassen, aufzustehen und aus der Entfernung meinen Fotoapparat auf diese Szene zu richten. Allerdings wurde ich von mehreren Ereignissen abgelenkt. Eines davon war, dass das Paar links neben mir den Kaffee verschuettete. Ich hatte die beiden schon vorher im Augenwinkel beobachtet und auch mehr oder minder heimlich fotografiert.
Der Mann ist inzwischen aus meinem Gedaechtnis entschwunden. Die Frau, anscheinend die Verursacherin, war eine Schwarze mit einem kleinen braunen Maennerhut auf dem Kopf. Ich sah immer nur ihr Profil. Doch schliesslich stand sie auf und ging aufs Klo, um sich zu reinigen. Als sie zurueckkam, bemerkte ich, dass sie klein und zierlich war, in einem hauchduennen lindgruenen Mini steckte und braune Rauhlederstiefel trug. Sie laechelte und sagte etwas auf Franzoesisch zu mir, aber mit einem solchen Akzent, dass ich nichts verstand. Trotzdem nickte ich und machte zwei weitere Fotos von ihr, einmal en face, einmal, als sie sich wieder hingesetzt hatte - beinahe ein Rueckenakt!
twoblogs - 11. Aug, 09:17
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