Laeufer, aus dem Dunkel der Nacht

Oft, wenn ich abends oder nachts an der Seine – oder auch anderswo - spazieren gehe, mache ich Fotos (ohne Blitz!), von denen niemand erwarten wuerde, dass sie etwas zeigen. Entweder sie erscheinen auf dem Monitor fast voellig schwarz; oder ich sehe nur irgendwo ein paar Farbflecken, Lichtpunkte, Reflexe etc.
Der Spass, den Sie frueher vielleicht bei der Dunkelkammerarbeit hatten, wird jetzt moeglicherweise dadurch ersetzt, dass Sie - wie ich - Ihr Bildbearbeitungsprogramm spielerisch testen. Photoshop bietet einiges, um in die dunkle Nachtsuppe ein wenig Licht zu bringen.
Ich bleibe zuerst einmal bei den Nebenprodukten: bei dem. was Sie hier als fliegende Blaetter oder blaue Insekten wahrnehmen koennten. Blaue Nachtschmetterlinge? Blaeulich funkelnde Leuchtkaefer? Heftiger Blaetterfall schon um diese Zeit?
Das Gelb der sichtbaren Koerperteile sollten Sie nicht ernst nehmen. Ich haette sie auch anders einfaerben koennen. Aber das Licht mancher Laternen taucht doch meist alles in ein gelbliches Licht.
Mich fasziniert es, in diesem Zusammenhang meinen Phantasien nachzugeben. Dass etwa ein Lauefer sich quer durchs Unterholz schlaegt und dann ploetzlich – durchbrechend – auf einer Lichtung erscheint (z. B. am Seineufer), waehrend ich – fuer ihn unsichtbar – hinter einem Baum oder in einem Gebuesch stehe.
Das ist es, was andere Frauen wohl nicht so einfach tun wuerden: sich in eine Situation begeben, die ganz automatisch erschreckend wirkt, und sich nicht vom Fleck ruehren, die Augen zu einem Schlitz zusammenpressen, den Atem anhalten und zuwarten. Wahrscheinlich kaeme ihnen so einen Situation gar nicht in den Sinn. In mir erzeugt das zwar auch eine gewisse Aufregung, Herzklopfen usw.; zugleich lerne ich, meine Aengste und meinen Fluchtreflex zu beherrschen.
Ja, und er, voellig ausser Atem, er schwitzt, er ist schon eine Weile bergauf und bergab gelaufen (in Wirklichkeit nur am Canal Saint-Martin hinauf und wieder runter, 10 km, vielleicht sogar ein zweites Mal, sollte er fuer einen Marathon trainieren); und jetzt hat es sogar ein wenig zu nieseln begonnen.
Leichter Nachtregen macht das Ganze noch raetselhafter und spannender. Aber er, der eben nur kurz anhaelt, hoert nichts vom Klicken, das ich nicht ausgeschaltet habe. Er trabt weiter, verschwindet im Dunkel, nur dieser staendige Blaetterfall und diese flatternden blaeulichen Lichtpunkte. Ob ich mich da nicht von meiner erwartungsvollen Aufmerksamkeit habe taeuschen lassen, ob das nicht ein Augenfehler erzeugt hat?
Das Schoene: mein Zweifel! Hat sich das Nieseln nicht in einen Wolkenbruch verwandelt? Habe ich mir diese menschliche Gestalt aus den Wassermassen nur zusammenphantasiert? Stehe ich ueberhaupt an der Rue du Faubourg, dort, wo der Canal unter dem Bd. Jules Ferry verschwindet?
Ich denke einen Augenblick an Alfons, was der jetzt sagen wuerde: Das ist kein Projekt von mir! Es ist auch kein Unfall, kein Mord passiert! Was willst du: du bist unverletzt, niemand hat dich angegriffen! Und: Ich hasse deine Mutproben!
twoblogs - 11. Sep, 10:12
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