Ich und Audrii

Ich wundere mich immer wieder ein wenig darueber, wenn Blogistinnen und Blogisten von sich selbst als „sie“ oder „er“ schreiben. Aber ich versuchs hier einmal mit mir selbst.
Audrii, sag ich, du sollst nicht „ich“, auch nicht „du“, sondern „sie“ schreiben. Audrii schreibt „sie“, schreibt sie. Audrii versucht dieses neue Gefühl zu testen. Es ist ein eigenartiges: als wuerde es eine zweite Person geben, eben „sie“ und sie. Also "sie", die sich als „ich“ erkennt; und sie, die so etwas wie eine zweite Haut ist, jedenfalls ein Wesen, das ausserhalb ihr intimen Ich-Sphaere lebt. Oder dorthin projiziert wird.
Geht es Audrii besser, wenn sie sich in dieser zweiten(!) Person sieht? Muss sich Audrii vor sich verneigen, wenn sie von sich in der dritten(!) schreibt? Ist diese Audrii so etwas wie ein Spiegelbild, also etwas, das identisch zu sein scheint, aber in Wirklichkeit seitenverkehrt ist?
Audrii sitzt im Moment in einem ziemlich grossen Zimmer, das grösstenteils mit alten Moebeln eingerichtet ist, bei offenem Fenster und hoert das Zirpen der Grillen. Sie tippt auf dem Notebook auf ihrem Schoss, waehrend sie in dem uralten Schaukelstuhl sanft auf- und abwippt.
Audrii traegt ein T-Shirt, ein ziemlich ausgewaschenes. Sie hat es vor Jahren in Berlin gekauft, in einem Secondhand-Laden an der Potsdamer Strasse. Darauf sehen Sie vorn und hinten das locke skizzierte Bild einer Frau, die mit einem Strohhalm eine Fluessigkeit aus einem Glas saugt. Ihre Augen befinden sich in der Hoehe der Brust; der Mund ist ungefaehr dort, wo der Magen beginnt. Das Glas koennte so gross wie dieser sein.
Was das „sie“, also Audrii, betrifft, so hat Audrii noch eine zweite Theorie: es ersetzt das Auge Gottes. So wie dieses die Suenderinnen und Suender nicht in Ruhe laesst, sondern unentwegt verfolgt (dieser starre gefuehllose Blick, wie von einem gefuehllosen Gemaelde, dem Sie nicht entkommen koennen), so ist „Audrii“ dem „ich“ eine staendige Kontrollinstanz, die alles besser weiss, zugleich aber auch wie ein Schutzmantel funktioniert. „Audrii“ ist demnach die Schutzmantelmadonna, die dieses „ich“ umhuellt und beschuetzt.
Werde ich bei Audrii bleiben? Nein, ich denke, ich bin frei, offen, ironisch, selbst-bewusst, frech, anschaulich, zwischengeschlechtlich, gleichgeschlechtlich, eingeschlechtlich, frauenparteiisch, phantasiestrotzend, mutig etc. genug, um den Gefahren dieses intimen „ich“ (das ja tatsaechlich ich bin) auch weiterhin standzuhalten und nicht in ein wohliges schlaefriges vertraeumtes „Audrii schreibt..., Audrii denkt..., Audrii spricht...“ etc. verfallen zu muessen.
twoblogs - 8. Aug, 10:27
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