Feel free!

Mit Anna verbrachte ich dann den restlichen Tag. Wir schlenderten über die Passerelle Debily ueber die Seine, dann entlang der Seine bis zur Pont d’Iena und setzten uns in dem gar so vollen Parc du Champ de Mars auf eine Bank. Sie machte unter anderem Fotos vom Eiffelturm und legte sich zu diesem Zweck auch mehrmals ins Gras bzw. auf eine Bank. Ausserdem hatte sie keine Scheu, die sechs, sieben Frauen zu fotografieren, die gar nicht verbergen wollten, dass sie eine Gruppe bilden, und immer wieder ausschwaermten, um die Spaziergaenger anzubetteln. Jeder gab sie ein wenig Geld.
Danach gingen wir in verschiedene Lokale. Anna lud mich zweimal ein, ich zierte mich nicht lange. Bei einem Mann haette ich das nicht zugelassen.
Zwischendurch konnte ich ihre Lederjacke probieren: sie war mir um eine Nummer zu gross; und ausserdem recht schwer. Aber ich liess sie trotzdem ueber meinen Schultern haengen, bis ihr meine Jacke zu kuehl war, und wir wieder tauschten. Der Geruch spielte da keine Rolle!
Unser Gespraech spitzte sich immer mehr auf das Thema Zwaenge und Zwangsgedanken zu. So bildete sich schnell aus einem gegenseitigen Interesse ein erstaunliches Zutrauen ihrerseits heraus, sicherlich auch dadurch gefoerdert, dass sie mehr Alkohol trank als ich.
Zwang ist, wenn du gewisse Bewusstseinsinhalte nicht loswerden kannst, obwohl du sie gleichzeitig als inhaltlich unsinnig oder wenigstens als ohne Grund beherrschend oder beharrend beurteilst; oder auch als moralisch diskreditierend und damit dich als Person entwertend.
Es war mir noch nicht ganz klar, was sie meinte: Aber ist es auch Zwang, wenn du Gewohnheiten an den Tag legst und dir das Leben durch Rituale erleichterst?
Das war nicht ihre groesste Sorge. Aber ich konnte zustimmen, dass sich bei mir durchaus auch Zwangsgedanken entwickelt haben, die ich nicht mehr so einfach los werden kann, weshalb mein Tagesablauf davon bestimmt wird.
Meine Zwangsgedanken sind: ich werde mit einer Arbeit nicht rechtzeitig fertig, ich habe keine Ideen, ich fuehle mich leer, ich breche zusammen, niemand findet mich; ich liege voellig kraftlos auf dem Boden und habe keine Kraft zum Aufstehen mehr; ich habe mein Handy verloren, den Kalender mit allen Telefonnummern und Adressen; ich gehe hinunter und weiss ploetzlich nicht mehr, wo ich bin; ich betrete ein Lokal und niemand versteht mich, ich kann mich weder mit Mimik noch Gestik verstaendigen etc.
"Tell me, what you are thinking about!" Und so erfuhr ich, welche schlimmen Gedanken und Gefuehle Anna plagten und welches Einvernehmen sich in so kurzer Zeit entwickelt hatte.
twoblogs - 7. Okt, 11:07
10 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks



