Der Phaenotyp meines Lebens 1

"Lassen Sie mich so beginnen: Eine Schriftstellerin vergleicht einen bestimmten Dezemberabend in ihrer Erzaehlung mit einem weichen wollenen Tuch. Jemand anderer koennte ebensogut ein eigenartig anschmiegsames Wolltuch mit einem Dezemberabend vergleichen. Dabei liegt der besondere Reiz darin, dass ein schon etwas erschoepfter Gefuehls- und Vorstellungsbereich aufgefrischt wird, indem ihm Teile eines neuen zugefuehrt werden.
Ein Tuch ist natuerlich kein Dezemberabend, auch kein Jaennerabend etc. Das beruhigt. Aber es ist in seiner Wirkung verwandt, und deshalb ist das eine nicht unangenehme kleine Mogelei. Und von solchen Mogeleien, Schwindeleien, kleinen und groesseren Taeuschungen lebt das ganze Buch.
Natuerlich ist ein Buch kein Tuch, schon gar kein nasses. Es ist ein trockenes, aber nicht staubtrockenes, sondern ein leicht feuchtes und kann sich als solches in jedem Fall ueber die Leserin und den Leser breiten, egal in welcher Situation, und beide auf eine hoechst angenehme Weise einhuellen und so befeuchten bzw. beleben und zu weiteren gegenseitigen Wisch– und damit Leseaktionen beleben.
Was Audrey Sandrock betrifft, so zielt sie auf eine moeglichst intensive und unmittelbare Aktivierung von Gefuehlen und Vorstellungen, wenn sie implizit – aber auch explizit – die „Zerloesung der Dinge“ fordert. Was heisst das? Erst nachdem die einzelnen Elemente aus ihrer vertrauten Verwendungsweise und den mit ihnen fest verbundenen Vorstellungen geloest wurden, koennen sie – nicht nur im Rahmen dieses Buches – mit originaeren und originellen Saetzen beschrieben und erzaehlt werden..."
PS: Die Anregung zu diesem Beitrag stammt von David Ramirer, der sich wiederum auf tilak beruft. Merci beaucoup!
twoblogs - 13. Dez, 10:09
6 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks



