Der Mann mit dem Kreuz und der Goldkette

Jetzt ist das Wetter hier ganz nach meinem Geschmack, Hochsommer, blauer Himmel, 30 Grad, trockene Hitze; und in der Nacht am Suedhimmel ein strahlender Saturn.
Nichts haelt mich davon ab, einen Badeplatz aufzusuchen, wo ich schon als Jugendliche gern gebadet habe: an einem Seitenarm der Donau, der keine direkte Verbindung mehr zum Fluss hat und rundherum bewaldet ist, also ueberall Schatten bietet und an vielen Uferstellen grasige Liegeflaechen. Man kann von beiden Seiten mit dem Auto zufahren. Das Ende bildet eine schmale Bruecke. Dahinter beginnt das Schilf.
Wo ich mich niederlasse, haengt davon ab, wie viele Autos wo stehen. Gestern konnte ich etwas entfernt von der Bruecke parken. Ich breite meine Decke in der Naehe eines aelteren Paars aus, das sich - nackt und tiefbraun - die meiste Zeit im Wasser tummelt.
Ich habe nur ein Wickelkleid an. Also kann ich mich schnell ausziehen und hineingehen. Es ist angenehm kuehl, ich schwimme etwa 20 Minuten. Danach lege ich mich, in ein Badetuch gewickelt, hin und beginne, meine Notizen zu ergaenzen.
Als ich einmal aufschaue, sehe ich einem Mann naeherkommen – blaues T-Shirt, braune Hose, Mitte 40. Er bleibt neben mir stehen und fragt, ob er sich hinsetzen duerfe. Ich sage, mit der entsprechenden Handbewegung, hier gebe es eine Menge Platz und meine die vorhandenen 30 Meter bis zum naechsten Gebuesch direkt am Ufer rechts neben mir. Er fragt mich, ob er mit mir ein bisschen reden duerfe. Ich will schon sagen: Ich bin mit meinen Gedanken sehr beschaeftigt, aber da hat er schon sein Handtuch ausgebreitet.
Da sitzt er nun und schaut zum Wasser hin und beginnt die das spiegelglatte Wasser, die Stille, die Idylle und das Wetter zu loben. Ich empfinde das als Ueberrumpelung, als Uebergriff. Das scheint er nicht zu bemerken.
Naechste Frage: Ob denn hier FKK sei. Meine Antwort: Er sehe doch, dass es gemischt ist, aber nacktbaden niemanden stoere. Kaum habe ich das ausgesprochen, hat er sich schon ausgezogen. Dem folgen dann Allgemeinplaetze wie: Wie ich heisse, wo ich wohne, wie oft ich hierher komme etc.
Plötzlich streckt er mir die Hand hin und sagt: Alfred! Und gleich erfahre ich, dass er Alarmanlagen verkauft, Importware aus China. Dass er sehr viel unterwegs sei, weil es eine grosse Nachfrage gebe. Wozu er aber anmerkt, dass es ein Leichtes sei, sich ein geeignetes Werkzeug zu besorgen, um trotzdem in aller Ruhe einbrechen zu koennen.
Darueber will ich nicht weiter reden, es passt zu nichts von dem, worueber ich nachdenken wollte. Daher frage ihn, ob er denn keine Lust habe, ins Wasser zu gehen. Nein, antwortet er, ich mag eigentlich das Wasser nur von draussen. Er koenne ausserdem nicht gut schwimmen.
Damit ist die Sache fuer mich beendet, ich fuehle mich belaestigt und sehe keinen Sinn in einer Fortsetzung dieses belanglosen Gespraechs. Ich drehe ihm den Ruecken zu und wickle mich in mein Kleid. - Ach, Sie wollen schon gehen? - Ja, ich komme sowieso schon zu spaet! Das Handy laeutet wie zur Bestaetigung, und meine Mutter sagt mir, was sie einzukaufen vergessen hat.
Kaum bin ich ein paar Schritte in Richtung Auto gegangen, springt dieser Alfred Alarmanlagen & Co auf und zieht sich schnell an. Er folgt mir nicht, also muss ich meine Schritte nicht beschleunigen.
PS: Ich sollte noch hinzufuegen, dass dieser unaufdringlich-aufdringliche Mann eine Goldkette aus grossen Gliedern mit einem Kreuz dran trug. Ich will auf keinen Fall an die Klosterschule erinnert werden. Daher sind Maenner mit Goldketten dieser Art bei mir sofort unten durch. Aber ich war so ruecksichtsvoll, ihm das nicht gleich an den Kopf zu werfen.
twoblogs - 1. Aug, 11:47
2 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks



