Brueste und Daumen

Das ist keine Frucht, sondern eine Brust. Sie liegt nicht irgendwo herum, sondern in der rue Raspail in einem glaesernen Haus, der Fondation Cartier. Dort hatte ich schon einmal eine schlechte Erfahrung mit einem Kunstobjektbewacher gemacht. Drinnen durfte ich auf keinen Fall fotografieren. Es herrschte angeblich ein allgemeines Fotografierverbot. Ich habe mich aber exponiert, indem ich mich auf einen Disput mit diesem Herrn einliess und nannte ihn einfach Monsieur Cartier.
Dazu muss man wissen, dass die Fondation, die eine "Neudefinition der Unternehmensschirmherrschaft" fuer Kunst in Anspruch nimmt, dieses spiegelnde Schmuckstueck von Jean Nouvel finanziert hat, und die Cartiers, Vater und Sohn, schon lange tot sind. Cartier ist eine Marke des schweizer Luxusgueterkonzerns Richemont, also waere Monsieur Richemont wohl passender gewesen.
Ich nannte aber den Unterlaeufel weiterhin Cartier, was ihn immer mehr gegen mich aufbrachte. Fuehlte er sich etwa von diesem Namen beschmutzt? Oder war er fuer ihn so heilig, dass er sich vor Angst davon eiligst distanzieren musste?
Ich hatte ihn nach dem ersten Anpfiff nur gefragt, warum ich nicht von innen nach draussen fotografieren duerfe, wobei ich natuerlich beabsichtigte. das Innere – die Ausstellungsstuecke – auch ins Bild aufzunehmen. Er stellte sich aber jedes Mal, kaum hatte ich mich von ihm abgewandt, mit ausgestreckten Haenden so vor mich hin, dass ich ihn als bildstoerendes Element haette akzeptieren muessen. "Madame, interdit! In-ter-dit!!" Er war blass, hatte eine unreine Haut, war schlecht rasiert, trug ein oranges Hemd mit schwarzer Krawatte und am Kinn ein roetliches Ziegenbaertchen.
Ich verlegte die Situation nun nach draussen – wie damals, wo ich mich eben ganz nahe an die Glaswand stellte, um Spiegelungen zu vermeiden. Kaum hatte ich zwei-, dreimal abgedrueckt, stand der nun sehr roetlich Angelaufene mit offenem Mund mir gleich hinter dem Glas gegenueber und tanzte wieder seinen Fotografierverbotstanz. Ich lachte und fotografierte nun tatsaechlich ihn – Monsieur Rumpelstilz Mini-Cartier.
Ok, jetzt zur Brust. Sie stammt von César und ist nicht die einzige. Es gibt etwa zehn Brueste, in verschiedenen Groessen, meist am Boden liegend, drei kleinere auf Podesten – eine weisse, eine rote, eine goldfarbene. Auch die sind schon megalomanische Maennerphantasien und wuerden in keine Maennerhand passen. Die grossen wuerden – waeren sie aus Bronze, was ich annehme – einen darunter Liegenden mindestens die Rippen brechen. Dazu kommt, dass sie ja abgeschnitten sind – unten also flach. Davon merken Sie im Bild nichts, und das ist Absicht und entspricht ganz meinem egoistischen Schutzverhalten.
twoblogs - 26. Aug, 10:12
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