Aug in Aug

Nicht nur macht Phantasie Wirklichkeit ertraeglich, auch der Weg zur Realitaet kann der der Phantasie sein. Daran halte ich mich jetzt.
Ich sehe ihm zu, wie er mich anschaut. Ich habe mir nur sein rechtes Auge herausgepickt und schaue ihn an und sehe zugleich, wohin er schaut. Er steht vor einem Fenster, und dieses spiegelt sich in seinem Auge. Zugleich auch die Aussenwelt, eine flache Gegend, mit einem mehrstoeckigen Neubau. Es scheint, also wuerde er in einem Haus im 3. oder 4. Stock wohnen.
Er hat braune Augen, sie sind entzuendet. Schwarze Wimpern an dem Lid, das zurueckgeklappt ist. Kein Lidschlag, es ist ein Bild. Ich stelle mir vor, er kann diesen gut beherrschen, was nichts anderes bedeutet, als dass sich immer genug Fluessigkeit verteilt hat, nicht zu viel, nicht zu wenig.
Im entzuendeten Zustand werden die Traenen nur so fliessen. Und er ist hauptsaechlich damit beschaeftigt, sie zu stoppen, das heisst: das Sekret, das ueber die Wangen fliesst, staendig abzuwischen. Normalerweise sammeln sie sich ja im inneren Augenwinkel und fliessen durch den Traenenkanal in den Traenensack und von dort in die obere Nasenmuschel.
Ein auesserst unangenehmer Zustand, der auch mich vorige Woche vier Tage geplagt hat. Bei ihm wahrscheinlich eine Bindehautentzuendung, durch eine Infektion mit Bakterien oder Viren hervorgerufen. Es koennten aber auch Umweltreize wie Rauch oder Zugluft gewesen sein.
Mein fernes Gegenueber hiess, als ich dieses Bild bearbeitete, yono! Inzwischen wird sich sein Zustand schon normalisiert haben, waehrend ich – vielleicht weil ich am Muttertag zur Mutter fuhr – noch immer daran laboriere.
Zum Schluss noch ein Lob auf die Einbildungskraft, der „Koenigin der Faehigkeiten“ (Charles Baudelaire). Wenn Sie allerdings lieber Blaise Pascal vertrauen, dann ist sie die „Feindin der Vernunft“. Ich halte dem entgegen, dass es nichts Vernuenftigeres fuer eine vor sich hin schwaechelnde Frau gibt, als sich einen Mann in einem vergleichbaren Zustand vorzustellen!
twoblogs - 14. Mai, 13:29
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