Auch fuer Marcel gabs keine Milch!

Ich habe Marianne Masters immer beneidet darum, dass sie Traeume sozusagen am laufenden Band produzieren kann. Mir gelingt es hoechst selten, mich ueberhaupt genauer an einen zu erinnern. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, den Muttermilchtraum fortzutraeumen.
Dazu kam noch der Rat von fraenk: Vergessen Sie nicht den Vater! Seltsamerweise hatte ich, wenn ich daran dachte, immer den Eindruck eines Nebelfeldes. Und zwei Fragen tauchten auf, die mich vom Einschlafen abhielten: Vernebelt der Vater sich selbst? (Hat er sich einfach aus dem Staub gemacht?) Oder bin ich es, die ihn einnebelt, weil ich nichts mehr von ihm wissen will? Oder (und das ist wohl die beste Loesung) entstammt das Baby einer Samenspende und der Vaterersatz wird Edith sein?
Am Montagmorgen (da hatte ich noch kein Fieber) kam dieses Baby nun im Traum wieder zum Vorschein. Inzwischen war es aber ein Bub geworden, etwa 10 Jahre alt, mit dichten dunkelbraunen Straehnen, die ihm in die Stirn fielen, d.h. seine Stirn bis zu den Augen bedeckten, weshalb er sich immer mit der Hand ueber die Stirn fuhr, wenn er zu mir hersah.
Ich hatte keine Ahnung, wie er heisst. Daher probierte ich alle moeglichen Namen aus, die zu ihm passen konnten, d. h. ich erblickte ein Band vor mir, auf das viele maennliche Vornamen geschrieben waren, alphabetisch geordnet. Es war gelb und dehnte sich, waehrend ich die Namen las. Bei Marcel stockte ich. Marcel ? Marcel !
Ich war etwas ratlos, was ich mit diesem Marcel anfangen sollte. Ich fuehlte mich fremd und beengt neben diesem maennlichen Wesen, dessen Haare inzwischen schwarz geworden waren, schwarz wie Pech. Ich dachte: Auch fuer ihn habe keine Milch, was solls?
Dann ein schrecklicher Gedanke: Nun kann ich nichts mehr allein tun, mich kaum mehr zurueckziehen, für ihn muss ich dauernd anwesend sein, ich muss fuer ihn arbeiten, bis einer von uns beiden stirbt etc. Aber ich bleibe auf ewig mit ihm verbunden: das ist doch schoen!
Als ich aufgewacht war, konnte ich dieses Unglueck nicht verstehen. Denn der zehnjaehrige Sohn meiner Cousine sass ja voellig ruhig unter dem blaugruenen Weihnachtsbaum, der seine Nadeln noch nicht verloren hatte. Das Buberl hatte die Kleinbahnanlage in Blitzesschnelle aufgebaut und liess die Zuege aneinander vorbeirauschen. Das war die Realitaet. Ich war in seiner Gegenwart einfach eingenickt.
Manchmal schaute er zu mir her und sagte laut: Du siehst, Audrey, du kannst mir vertrauen! Schliesslich blickte er auf die Uhr und sagte: Jetzt muessen wir aber gehen! Das tat er noch mehrmals, als waere er ein Erwachsener, verantwortlich dafuer, dass wir beide rechtzeitig ins Bett kamen, um am naechsten Tag fuer Schule und Arbeit ausgeschlafen und fit zu sein.
twoblogs - 23. Jan, 15:12
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