Kaius, Roma (1)

Roma, vor etwa einem Monat. Ich schneie mit Edith in ein Geschaeft in der Via Carlo Cattaneo, unweit der Maria Maggiore. Wir waren schon mehrmals vorbeigegangen, jedes Mal geschlossen. Vielleicht ein Fake!
Diesmal stossen wir auf einen juengeren Aethiopier. Es gibt eine Unmenge Ketten, Edith will mir welche schenken, eine rote, eine gruene, eine blaue. Doch sie erhaelt einen Anruf und verlaesst das Geschaeft mit dem Satz: Es dauert nicht lange.
Der Aethiopier fuehrt mich dann zu den Moebeln und Skulpturen. Ploetzlich taucht hinter ihm ein aelterer Mann auf, ein Nigerianer, wie sich nach einem kurzen ironischen Wortwechsel zeigt. Er stellt sich als Diplomingenieur vor, auch als Dr. phil., der neben Gedichten auch einen Roman schreibt. Seine Muttersprache sei Ibo. Aber er liebe die deutsche Sprache, er habe unter anderem Hegel gelesen. Er versucht einige Saetze auf Deutsch; doch ich bleibe bei meinem mittelpraechtigen Italienisch.
Eine erstaunlich Begegnung, die Edith leider versaeumt hat: ein gut aussehender Nigerianer in einem ziemlichen Ramschgeschäft, der sich auf eine keineswegs so penetrante Art und Weise wie Brian in Szene setzen will, sondern auf eine witzig–charmante. Er liest mir aus seinem Text einige Saetze vor, die er dann auch noch kommentiert und kopiert mir schliesslich mehrere Gedichte.
Es geht da um seine Überlegungen zum Internationalen Tag der Muttersprache am 21. Februar. Das sei der Tag, an dem man seinen Stolz auf seine Muttersprache zeigen sollte. Sollte jemand dabei den Olymp erklimmen wollen, würde er vielleicht in die Welt hinausschreien wollen: Cogito in meiner Muttersprache, ergo sum! Warum nicht?
Fuer eine solche Aktion schlaegt Kaius den Hyde Park in London vor, weil der Speakers Corner ja das richtige Forum sei, beruehmt für seine neugierige und ausdauernde Zuhoererschaft. Der beste Platz also um mit lauter Stimme das beste Buch in seiner Muttersprache (Ibo) vorzutragen, unabhaengig davon, ob jemand etwas davon verstehe oder nicht.
Natuerlich koennte jemand fragen: Warum nicht mit leiser Stimme? Tut mir leid, sagt Kaius, warum nicht mit lauter Stimme? Was ist daran so schlecht, wenn jemand schreit vor Begeisterung? Was für ein Muttersprachentag soll denn das sein, wenn man fluestert? Weisst du nicht, dass die gleiche Musik, die du dir zu Hause oder im Auto vielleicht leise anhoerst, dich in der Disko zum Tanzen aufstachelt, wenn sie ganz laut aus den Lautsprechern droehnt?
Um mir eine Vorstellung von seiner Muttersprache Ibo (oder auch Igbo) zu geben, zitiert er zwei Saetze aus der Allgemeinen Erklaerung der Menschenrechte:
A mụrụ mmadụ nile n'ohere nakwa nha anya ugwu na ikike. E nyere ha uche na mmụọ ime ihe ziri ezi nke na ha kwesiri ịkpaso ibe ha agwa n'obi nwanne na nwanne.
Er uebersetzt das, mit einem starken afrikanischen Akzent, ins Deutsche: Alle Menschen sind frei und gleich an Wuerde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Bruederlichkeit begegnen.
Als Edith bei der Tuer erscheint und mir zuwinkt, verabschiede ich mich und verspreche, am naechsten Tag wiederzukommen. Oder haben Sie dann wieder geschlossen, Mister Kaius? Nein, Sie koennen mich jederzeit besuchen, Miss Audrey! Klopfen Sie einfach!
twoblogs - 23. Mai, 13:30
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