Montag, 18. August 2008

Ein Amischlitten an der Seine

W-2008-08-12-amischlitten-an-der-seine

Ich war voellig ueberrascht von diesem Anblick: da stand tatsaechlich unten am Quai des Celestins – gegenueber der Ile Saint Louis – dieser Amischlitten neben einem silbergrauen funkelnagelneuen Smart. Wie die beiden Autos da runtergekommen sind, war mir nicht klar. Es gibt ja nur Stufen fuer die Fussgaenger, und die spazierten in Gruppen flussaufwaerts, weil weiter oben die riesigen Touristenboote anlegen, die bis zu 1000 Personen fassen.

Der Ami wurde tatsaechlich von mir etwas zusammengequetscht, damit ein Quadrat herauskommt. Flotter schaut er deshalb auch nicht aus. Er sah auf dem zweiten Blick in Wirklichkeit ziemlich derangiert aus, weniger von aussen als das Innere. Der Lack war schon matt und die Stossstangen an vielen Stellen eingedellt. Wahrscheinlich ein Cadillac Seville aus dem 70er Jahren. Innen hingen Teile der Dachbespannung herunter, die hellen Sitze waren fleckig, einige Flaschen lagen auf dem Boden, zerknuellte Kleidungsstuecke, darunter auch Unterwaesche, eine roetlicher Stein, ein duerrer Zweig.

Auf dem Ruecksitz bemerkte ich zwei offene Buecher. Ich fotografierte einige Ausschnitte, weil ich dachte, das wuerde mir einen Hinweis auf damit zusammenhaengende Ereignisse bzw. die beteiligen Personen geben. Die erste Stelle lautet:

„...Wir sassen auf dem Ruecksitz des gruenen Citroen und fuhren die Rue Armand Cassel entlang. Sie hatten uns am Gare de l’ Est abgeholt: Meine Schwester und ihr Freund Antoine warteten auf Bahnsteig sieben; Antoine gaben wir die Hand, Camille fielen wir in die Arme. Die Reise hatte ein Ende genommen. Keiner von uns beiden glaubte daran. Chloe dachte, es sei nur etwas ganz Neues, es sei ein Zwischenstopp; wir würden andere Leute kennenlernen und sie ein neues Land, eine Stadt - wieder eine Stadt.
Beim Parc de Butte Chaumont bog der Wagen rechts in die Rue Crimèe ein und dann in die Rue de Mouzula. Es war das Haus Nummer dreizehn, wo wir hielten. Antoine fand eine Luecke und parkte davor. Bevor wir durchs Haustor traten und hochstiegen in den dritten Stock, hievte ich unseren Seesack auf die Schultern...“

Im zweiten Buch ergaben die lesbaren Bereiche folgendes Fragment:

„...Erst als der Junge im Auto vor ihr sich ein zweites Mal umdrehte, erwiderte sie sein Winken. Sie hob sogar die Haende an die Schlaefen und wackelte mit den Fingern, als haette sie Hasenohren, was ihn zum Lachen brachte.
Er hatte sich jetzt hingekniet. Sie sah seine runden Aermchen auf der Lehne des Ruecksitzes und wie er sein gluehendes Gesicht an die Heckscheibe presste. Er streckte die Zunge durch seine große Zahnluecke und zog Grimassen.
Wie er schwitzen muss, dachte sie, liess die Haende in den Schoss sinken und warf einen kurzen Blick in den Rueckspiegel.
Hinter ihr stand ein Laster, der die Sicht auf das Ende des Staus versperrte. Auf der mittleren und linken Spur reihte sich Wagen an Wagen. Die meisten Fenster waren herunter gekurbelt, einige hatten die Tueren weit aufgerissen oder waren sogar ausgestiegen und liefen mit mit grimmigen Mienen auf dem Seitenstreifen hin und her wie Tiere in einem Kaefig. Seit einer halben Stunde ging es am Boulevard Peripherique nur zentimeterweise voran. Denn zu dem Ferienverkehr kamen die Berufspendler hinzu. Die ersten Unfaelle hatten sich bereits ereignet, und es war voellig unklar, wann und wo sich der Stau aufloesen wird...“

Hatten Sie sich jemals vorgestellt, mit einem solchen Auto zu fahren - Cadillac Seville? Wenn ja – mit wem und wohin? Oder haette es Ihnen genuegt, sich auf die naechste Bank zu setzen, um darueber nachzudenken, wie es mit Antoine, Camille, Chloe etc. in diesem namenlosen Buch weiter gegangen sein koennte; und wozu der Blickkontakt zwischen dem Jungen und der Frau im Stau fuehren wird?

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BUCH BLOG - 19. Aug, 10:26

Nein, liebe Audri, mich interessieren keine Amischlitten. Aber beim ersten Lesen, st mir das völlig unwahrscheinlich erschienen dass Sie in so einm Auto zwei aufgeschlagene Bücher finden . Und dass die Seiten auch noch so gut lesbar sind. Überhaupt -- etwas dick aufgetragen.

twoblogs - 19. Aug, 20:39

Ich hab durchs Fenster hineinfotografiert. Sie wuerden staunen, wie gut Sie die Schrift bei entsprechenden Lichtverhaeltnissen lesen koennen!;-)
books and more - 19. Aug, 10:58

Ein wirklich erstaunlicher Zufall, aber passen Sie auf, liebe Audrii, es kommt noch besser: Wenn Sie dieser Tage auf Ihren Streifzügen an der Seine zwei deutsche Mädels treffen, 15 und 12, die ältere ebenfalls mit Digicam und wahrscheinlich gerade mit ihrer Mutter streitend - das sind meine!

Wie lange sind Sie denn noch in der capitale du surréalisme? Vermissen Sie den See? [Das Charakteristischste in Ihrem schönen Blog und in Ihren Kommentaren ist für mich - neben dem Farbenspiel - Ihre Art zu fragen. Heute schrieb ich einem Kommentar selbst ein paar Fragen und dachte spontan: 'Na, das sind jetzt ja so typische Audrii-Fragen!']

Schöne Zeit und noch mehr schöne Funde wünscht, herzlich
Books

twoblogs - 19. Aug, 11:44

Lieber Bux, schoen wieder etwas von Ihnen zu lesen! ;-)) Schoen auch, dass sich Ihre drei Maedels auch hier aufhalten! Ich hatte schon die ueberraschendsten Begegnungen, sowohl hier als auch in London oder Berlin. Gibt es irgendwelche Erkennungsmerkmal ausser heftiger Dialogbereitschaft zwischen Mutter und Toechtern? Gut, ich stelle noch eine typische Audrii-Frage: woran sonst sollte ich sie erkennen?;-)

Und ich antworte gern(!) auf Ihre Fragen: noch bis Ende des Monats vielleicht auch noch laenger. Aber nicht nur zum Spass; ich muss ja arbeiten.

Und was das Wasser betrifft: die Seine ist ja an den Ufern zubetoniert und schmal. Es gibt hier Paris plage, aber davon spaeter. Den See vermisse ich, ja. Aber ich werde das so loesen, dass ich einmal nach Trouville fahre, auch deshalb, weil Marguerite Duras dort lange Zeit ein Apartement hatte und dort auch der Film „Diese Liebe“ („Cet amour-là“) nach dem Roman von Yann Andrea spielt.

À bientôt!
yonosequepasara - 19. Aug, 11:56

Es kommen unweigerlich sehnsüchtige Erinnerungen hoch an sonnige Tage in Cucuta, auf den Straßen hellblaue Chevrolets mit roten Stoffbezügen, die das Herz eines jeden europäischen Sammlers höher schlagen lassen würden, dort aber zum Alltagsbild gehören. Die Tagesreise zu siebt in einem solchen Wagen durch das Land der Guerilla gehört schon einer anderen Welt an... [Wenn ich das Bild, das ich meine, noch finde und es posten darf....]

Die Stauszene erinnert mich unweigerlich (Ich habe mich gewehrt, wirklich!) an den Beginn eines Trash-Horror-Films, in dem sonst so unscheinbare und harmlose Alltagdetails dann urplötzlich Teil der sich nähernden Katastrophe werden...

twoblogs - 19. Aug, 13:31

Beides finde ich aufschlussreich, lieber yono. Also posten Sie das Foto und beschreiben Sie mir, wie dieser Film anfaengt! Ich habe bei der Lektuere dieses Textstuecks nur an harmlose Dinge gedacht. Aber durch Ihre Assoziationen bin ich jetzt auf eine ganz andere Faehrte gelangt!
yonosequepasara - 19. Aug, 20:43

Ein Taxi in Cucuta.
(Drei Umzüge und 16 Jahre später trotzdem gefunden. Rot, nicht hellblau.)

Und der Film (den es nicht gibt) entwickelt sich so: Man sieht diese ganzen alltäglichen Bilder: Stau, Menschen, Autos, nichts wirklich bemerkenswertes geschieht. Und doch nimmt man scheinbar unbedeutsame Kleinigkeiten wahr: Die kleinen Arme des Jungen, den Ring am Finger der Frau, als sie die "Ohren" macht, der gehetzt wirkende junge Fahrer drei Autos weiter vorne, die schlampig verzurrte Ladung am LKW, der müde Fahrer des Reisebusses, der sich von hinten nähert...
Und alles gibt auf eine fast zwingende Art das Schicksal der Protagonisten vor - man weiß nur noch nicht wie...
twoblogs - 19. Aug, 21:11

Lieber yono, bedenken Sie: das ist ein Stau, in dem (fast) nichts weitergeht. Waren Sie noch nie in einem solchen Stau? Ich schon. Da wuerden auch Sie die Tuer oeffnen und zwischendurch sogar aussteigen, um sich die Beine zu vertreten und Dampf abzulassen. Oder? Und dann?

yonosequepasara - 20. Aug, 07:25

Nachdem sich weder meine Assoziationen noch die Plots von Trash-Horror-Filmen von der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses beeinflussen lassen... :-)
Nein, solche Monsterstaus sehe ich nur in den Nachrichten. Hatte noch nie das Vergnügen. Und wenn, dann würde ich höchstens der Hitze wegen Dampf ablassen müssen - es ist nicht meine Art, mich über Dinge aufzuregen, die ich offensichtlich nicht ändern kann...
(edit: meistens wenigstens)
Bei Ihnen dort: an der Tagesordnung?(edit: die Staus)
BUCH BLOG - 19. Aug, 22:45

Auffällig ist doch, dass die beiden Zitate inhaltlich so stimmig sind zugleich abernicht wirklich etwas über die Besitzer des Autos aussagen . Dh - die Bücher müssen ja nicht von ihnen stammen. Haben Sie probiert, ob das Auto verschlossen war?

twoblogs - 20. Aug, 10:32

Nein. Obwohl das im nachhinein ja naheliegend klingt. Das Innere sah aber keineswegs einladend aus. Ich habe spaeter mit dem Gedanken gespielt, dass der Kofferraum voller Buecher sein koennte. Und dass ich doch versuchen haette koennen, diesen zu oeffnen.
BUCH BLOG - 20. Aug, 19:27

Mich interessiert diese Stelle mit dem Kind und der Frau mehr als die andre. Da entstehn sicherlich Bilder wie sie auch andere Frauen haben würden.
Ich habe schon oft gesehen, wenn ich Auto fahre, dass ein Kind nicht angeschnallt ist und am Rücksitz herumtollt. Oder dass es mir zuwinkt; oder Zeichen gibt .
Ich hab mir einerseits gedacht: was sind das für Eltern, die ihre Kinder nicht anschnallen??
Und dann auch: wenn das mein Kind wäre, was ichda mit dem tun würde, ob ich jetzt zu meinen Eltern fahren würde usf.
Aber schade, dass Sie nicht probiert haben in den Kofferraum zu scjauen!

schneck06 - 24. Aug, 03:41

liebe audrii, sagen sie mal, kann es sein, dass sie das bild gespiegelt haben? denn unmittelbar in der nähe habe ich einmal ein halbes jahr verbracht, gewohnt, gezweifelt und das treppen steigen gelernt/gelehrt, deshalb frage ich (madame bruneau). und was arbeiten sie eigentlich denn dort in dem paris? gruß von fraenk.

twoblogs - 25. Aug, 12:22

Nein, lieber Fraenk, diesmal nicht. Manchmal tu ich das tatsaechlich, for a punctual equilibrium.
Wo waren Sie denn da in der Naehe - als Stipendiat?
Treppen steigen tu ich gern, sowohl an der Seine als auch in den Atelierhaeusern, da aus Angst vorm Lift.
Ich arbeite das Uebliche: ich recherchiere, sammle Materialien, mache Fotos und schreibe Beitraege fuer verschiedene Zeitschriften.
gmx (Gast) - 30. Aug, 22:49

die frau, die in den stau fiel

... zündete sich eine zigarette an. ihre hände rochen nach irgendeinem putzmittel. was für eine ruhe plötzlich. eine angenehme leere. sie hatte nicht einmal den wunsch nach musik. nichts. einfach dasitzen und warten und warten.

twoblogs - 31. Aug, 23:05

Natuerlich keine schlechte Idee - keine Panik aufkommen lassen, den Stau geniessen!

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