Mutters Hand

Das ist die Hand meiner Mutter, die immer in Bewegung sein muss. Ich bin schon eine Weile bei ihr am Hof, und ich werde noch einige Zeit da bleiben, wie sie es sich wuenscht. Was natuerlich Vorteile fuer mich hat - ich werde versorgt. Aber auch Nachteile. Etwa, dass sie zu der Zeit, wo sie Gaeste hat wie jetzt im Sommer, immer auf den Beinen ist. Sie goennt sich wenig Ruhe. Und ich kann mich nicht einfach in den Garten setzen, denn da sind Gaeste. Nette, oft solche, die immer wieder kommen. Und manche haben auch Kinder und Hunde mit – beides nicht unbedingt stoerend. Manchmal ergibt sich sogar eine angenehme Situation.
Ich fuehle mich aber keineswegs wie zuhause, sondern eigentlich in einem unnatuerlichen Zwischenzustand. Ich koennte zum Beispiel nicht im Garten sitzen oder liegen und lesen. Denn ich muesste ja der Mutter bei Arbeit zuschauen, und das waere mir peinlich. Sie will sich nicht helfen lassen, sondern alles allein machen.
Einmal ist sie schon eine Treppe heruntergefallen, hat sich zum Auto geschleppt und ist mit verstauchtem Fuss und blutigem Knie zum Landeskrankenhaus gefahren. Aus der Naehe kriege ich das alles sehr deutlich mit: sie achtet viel zu wenig auf ihre Gesundheit. Sie will nicht wahrhaben, dass sie sich uebernimmt.
Gut also, dass es einen hinteren Trakt gibt, wohin ich mich zurückziehen kann, ohne von ihr oder den Gaesten etwas zu sehen. Aber ich habe dann doch auch ein schlechtes Gewissen. Ich komme ein wenig wie eine Schmarotzerin vor. Sie sagt, ich sollte die kurze Zeit geniessen, wo ich nicht unter dem ueblichen Druck stehe.
Was sie aber nicht weiss: ich schreibe hier auch, sozusagen heimlich, aber nur mit der Hand. Ich nehme einfach A4-Blaetter und falte sie der Laenge nach. So entstehen zwei Spalten, so breit wie die in einer Zeitung. Das Schoene ist, dass ich mich jetzt wieder an meine Handschrift gewoehnt habe.
Auch daran, dass ein fliessendes Wasser, naemlich die Donau, auch wenn sie hier nicht sehr breit ist, sich doch recht gut zum Schwimmen eignet. Allerdings nicht bei diesen Temperaturen. Nicht bei 15, 16 Grad. Nicht dann, wenn zwar mitunter die Sonne hervorblinzelt, es den restlichen Tag aber regnet. Nicht dann, wenn gewittrige Regenguesse niedergehen. Wenn der Wind lebhaft oder gar stark weht, von Westen oder Nordwesten her. Und schon gar nicht, wenn mich so froestelt wie jetzt und ich mich in eine dicke, von Mutter gestrickte Weste einwickle, die Beine in eine Decke. Nicht dann, wenn ich mir noch ein Paar Wintersocken ueberziehe und mir denke, es waere doch schoen, mich gleich ins warme Bett zu legen und die Augen zu schliessen und... Ja, woran wuerden Sie denn jetzt denken?
twoblogs - 25. Jul, 09:00
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Sammelmappe (anonym) - 26. Jul, 16:46
Schreiben auf Papier ist so schön. Ich habe mir gerade eine orangefarbene Tintenpatrone eingesetzt. Fast die Farbe von Ihrem Hintergrund im Blog. Ich wünsche eine schöne Zeit und intensive Träume!
twoblogs (anonym) - 29. Jul, 11:45
Liebe Claudia, ich schreibe derzeit mit einem PILOT Hi-tecpoint V10 Grip, schwarz-silber, der toll in der Hand liegt und eine sehr fluessige Schrift erzeugt. So macht es eine Freude, die Entstehung der Buchstaben und Woerter zu verfolgen. Ich kann glauben, nicht ich schreibe, sondern „es“.
Dass Sie mit orangefarbener Tinte schreiben, finde ich originell. Darauf waere ich nicht gekommen, auch deshalb nicht, weil ich den starken Kontrast liebe. Ich schreibe nur schwarz auf weiss!
Was die intensiven Traeume betrifft – ja, die gibt es; aber sie erzeugen meist nur einen Nachgeschmack, der mich neugierig macht, also unzufrieden, dass ich mich an mehr erinnern kann. Merken Sie sich Ihre Traeume besser?
Dass Sie mit orangefarbener Tinte schreiben, finde ich originell. Darauf waere ich nicht gekommen, auch deshalb nicht, weil ich den starken Kontrast liebe. Ich schreibe nur schwarz auf weiss!
Was die intensiven Traeume betrifft – ja, die gibt es; aber sie erzeugen meist nur einen Nachgeschmack, der mich neugierig macht, also unzufrieden, dass ich mich an mehr erinnern kann. Merken Sie sich Ihre Traeume besser?
nanou - 28. Jul, 19:05
Schön, wieder etwas von Ihnen zu lesen ...
zum Schwimmen im fließenden Gewässer möchte ich nur anmerken, dass ich in einem solchen bereits eine - ich nenne es mal - "Nahtoderfahrung" gemacht habe - seitdem meide ich es.
Ihre Gedanken zu der Hand Ihrer Mutter und dem, was sie für Sie bedeutet ( in Aktion sein ...) ließ mich an die Hand meiner Mutter denken, ... , auch sie ist ,wenn ich sie besuche, oft in Aktion ..., doch zunehmend oft hält sie still, weil erschöpft. Dies macht mich zittern ... Ich bin ihr ewiges Kind - ich bin Ihre Tochter . ...
zum Schwimmen im fließenden Gewässer möchte ich nur anmerken, dass ich in einem solchen bereits eine - ich nenne es mal - "Nahtoderfahrung" gemacht habe - seitdem meide ich es.
Ihre Gedanken zu der Hand Ihrer Mutter und dem, was sie für Sie bedeutet ( in Aktion sein ...) ließ mich an die Hand meiner Mutter denken, ... , auch sie ist ,wenn ich sie besuche, oft in Aktion ..., doch zunehmend oft hält sie still, weil erschöpft. Dies macht mich zittern ... Ich bin ihr ewiges Kind - ich bin Ihre Tochter . ...
twoblogs (anonym) - 30. Jul, 10:59
Was meinen Sie denn mit "Nahtoderfahrung" in diesem Zusammenhang? Im Leman zu schwimmen, hat bei mir noch keine Angst erzeugt, wohl aber in einem fliessenden Gewaesser wie der Donau. Da bin ich naemlich schon in Strudel gekommen bzw. wurde von einer unvermuteten Stroemung erfasst; ich meide sie nicht, sondern bin sehr vorsichtig und habe kein Verlangen mehr an eine Ueberquerung.
Das Verhaeltnis Mutter-Tochter laesst sich nicht umkehren. Es koennen aber in der Tochter muetterliche Gefuehle gegenueber der Mutter entstehen, schwesterliche, auch freundschaftliche. Wie soll die Tochter mit der Unvernunft der Mutter umgehen? Also wie sie zur Vernunft bringen, wenn sie sich ihr Leben so eingerichtet hat? Meine Mutter kann Schwaeche an sich nicht ertragen. Also umgibt sie sich mit Aufgaben, die sie an den Rand ihrer Kraefte bringen. Wuerde sie aber – gezwungenermassen – stillhalten, wuerde mich das wohl auch so erschrecken wie Sie.
Das Verhaeltnis Mutter-Tochter laesst sich nicht umkehren. Es koennen aber in der Tochter muetterliche Gefuehle gegenueber der Mutter entstehen, schwesterliche, auch freundschaftliche. Wie soll die Tochter mit der Unvernunft der Mutter umgehen? Also wie sie zur Vernunft bringen, wenn sie sich ihr Leben so eingerichtet hat? Meine Mutter kann Schwaeche an sich nicht ertragen. Also umgibt sie sich mit Aufgaben, die sie an den Rand ihrer Kraefte bringen. Wuerde sie aber – gezwungenermassen – stillhalten, wuerde mich das wohl auch so erschrecken wie Sie.
amadea (anonym) - 28. Jul, 23:26
Bei uns hießen die Gäste damals Fremde.Sie wohnten in den Fremdenzimmern und verbrachten die Sonntage mit uns.
twoblogs (anonym) - 31. Jul, 13:19
Gaeste, liebe amadea, ist nur ein anderes Wort fuer Fremde. Sie kommen aus der Fremde (Deutschland, Niederlande, Daenemark...) und bringen Nachrichten aus der Fremde mit. Mehr oder minder passen sie sich an an dieses fuer sie fremde Dorf und deren fremde Bewohner. Auch die Natur ist fremd für sie; aber sie befremdet sie nicht so, als wenn sie mit den einheimischen Fremden Kontakt aufnehmen und sich in deren Reviere begeben, zum Beispiel in ein Wirtshaus oder in die Dorfkirche. Meine Mutter ist eine hoefliche und hilfsbereite Gastgeberin und stellt ihnen auch Prospekte zur Umgebung und Materialien zur lokalen Geschichte zur Verfuegung und nimmt manche auch in Weinlokale und Gasthaeuser mit. Zweimal pro Jahr veranstaltet sie einen Flohmarkt, dessen Einnahmen an gemeinnuetzige Institutionen weitergereicht werden.

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