Jacqueline

Ich hatte vor einigen Jahren eine chinesische Freundin. Sie heisst Zhang Lin, Lin ist der Vorname. Sie nannte sich spasshalber Jacqueline. Ich war immer geruehrt, wenn sie mit ihrem Kugelschreiber einen Brief schrieb. Wie schnell sie ein Zeichen neben das andere setzen konnte! Wenn sie etwas in Lateinschrift schrieb, malte sie oft die Buchstaben vorher in die Luft; eigentlich das Wort oder den ganzen Satz. Nicht so oft, vielleicht nur Woerter, bei denen sie sich vergewissern wollte, wie man sie schreibt.
Ich war in jeder Hinsicht von Lin fasziniert: von ihren dichten schwarzen Haaren, ihren schraegen rabenschwarzen Augen; von ihrem Blick, der so oft schraeg und blitzend aus ihren Augen kam; von ihrer blassen makellosen Haut, die aber an manchen Stellen sehr empfindlich war, besonders um den Mund herum. Deshalb war sie dann auch schnell geroetet, wenn ich sie dort beruehrte, auch nur mit dem Finger.
Sie war gerade in einer sehr schwierigen Situation, denn sie wollte nicht mehr mit ihrem Mann zusammenleben. Er arbeitete am Physikalischen Institut, waehrend sie noch an ihrer Dissertation schrieb. In dieser Uebergangsphase wollte sie Geld fuer spaeter verdienen und nahm jede Arbeit an. Meist landete sie voellig unterbezahlt in einem Chinarestaurant.
Einmal ging ich in ein solches essen. Sie war nicht erfreut, sie wollte mich gar nicht kennen. Danach erklaerte sie mir, dass das ein Fauxpas von mir gewesen sei, sie hatte mich ja nicht eingeladen, sondern nur den Namen des Lokals genannt. Sie fand, sie habe ihr Gesicht vor mir verloren. Davon war unsere vorher tiefe Freundschaft gestoert.
Ich kann ungefaehr auswendig, was sie mir damals geschrieben hat:
Mein Herz ist ganz zerbrochen. Ich brauche deinen Trost, wenn ich mich geistig so leer fuehle wie jetzt. Ich bewundere deine Ehrlichkeit, deine Intelligenz und deinen Fleiss. Ich betrachte dich als meine innigste Freundin. Leider sprechen wir verschiedene Sprachen. Deshalb kommt es immer wieder zu Missverstaendnissen.
Ich habe oft extreme Wuensche. Aber ich kann dir nur wenig ueber meine Gefuehle und Gedanken erzaehlen oder schreiben. Ich frage mich oft, warum mir das Leben so sensible Nerven gegeben hat. Warum es keine Gerechtigkeit gibt. Warum die Menschen so grausam sind. Ich wuerde lieber einen dummen Kopf haben als einen so feinfuehligen. Im Moment habe ich meine Zuversicht verloren. Ich will weder lieben noch hassen, sondern gefuehllos sein. Ich will Ruhe finden. Ich will wieder meinen Willen staerken und meinen Charakter festigen.
Ich muss weinen, wenn ich an sie denke!
(Siehe dazu: http://twoblogs.twoday.net/stories/4863352/#comments)
twoblogs - 2. Mai, 10:23
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