Ediths 1968

Da ich aufgrund meines Geburtsdatums zu 1968 nichts sagen kann, wollte ich besonders im Vergleich zu dem, was in den letzten Wochen zu lesen und zu sehen war, etwas Persoenliches hoeren. Die Anregung dazu kam von Barbara Lehner. Ich habe Edith, als eine im Jahr 1960 Geborene, dazu befragt und mir Folgendes notiert:
*„Ein haeufiges Thema bei meinen Eltern war damals die Pille. Wenn ich Dixi-Bonbons gegessen habe, habe ich gesagt: Ich nehm jetzt die Pille!“
*„Meine Mutter hat nur schlecht ueber die Hippies geredet. Hippies waren das Schlimmste fuer sie. Spaeter hat sie immer wieder die Angst geaeussert, ich wuerde so werden wie sie. Sie hat mir die Hoelle heiss gemacht, wenn ich etwas anziehen wollte, was mir gefallen hat. Ich sollte eine graue Maus bleiben wie sie.“
*“ Vielleicht erst einige Jahre spaeter habe ich in der Zeitschrift 'Jasmin' einen Artikel ueber ein Aussteiger-Paar gelesen, das nach Indien ausgewandert ist. Die Frau war zum zweiten Mal schwanger. Sie wollten vom Postkartenverkauf leben. Mich hat das sehr beeindruckt, weil das ein ganz anderes Leben war als das, was meine Eltern gefuehrt haben."
*"Ausserdem gabs da in der Mitte ein rosa eingefaerbtes Erotik-Lexikon. Das konnte ich mir anschauen, ohne das jemand etwas dagegen gehabt haette. Ich war ja auch viel allein. Aus 'Jasmin' und ‚Praline’ habe ich meine Kenntnisse ueber sexuelle Dinge schon sehr frueh bezogen. Abartig, Abtreibung und Ausserehelicher Geschlechtsverkehr - ungefaehr damit hat es begonnen.“
*„Wir sind jeden Sommer nach Italien gefahren. Damals wahrscheinlich nach Misano Adriatico. Waehrend der Fahrt haben wir immer gesungen. Eines der Lieder, das ich jetzt noch auswendig kann:
Mich brennt´s in meinen Reiseschuh´n
Fort mit der Zeit zu schreiten.
Was sollen wir agieren nun
Vor soviel klugen Leuten?
Da hebt das Dach sich von dem Haus’,
Und die Kulissen rühren
Und strecken sich zum Himmel aus;
Strom, Waelder musizieren.
Und aus den Wolken kommt es sacht,
Verwandelt Bild und Rollen,
Wie sich's kein Autor hat erdacht
Und anders als wir wollen.
Da geh'n die Einen müde fort,
Die Ander'n nah'n behende.
Das alte Stück, man spielt es fort
Und bringt es nie zuende.
Und Keiner kennt den letzten Akt
Von Allen, die da spielen;
Nur der, der droben schlägt den Takt
Weiß, wo das hin will zielen."
*Ich hatte einmal in der Woche Klavierunterricht, und zwar bei einer Lehrerin, die als Unverheiratete in der Schule gewohnt hat. Nach einigen Jahren hat sie einen 30 Jahre aelteren Mann geheiratet. Meine Mutter konnte das nicht fassen.“
*"Ich habe oft etwas von einem Olah-Prozeß gehoert. Dieser Olah wurde dann auch verurteilt, wegen Veruntreuung. Das hatte auf mich eine starke Auswirkung, weil ich Kassabuecher meines Onkels vollgekritzelt und dann in einer Tonne im Keller versteckt hatte. Die Firma meines Onkels ging in Konkurs, und ich dachte, ich sei daran schuld. Dieser Gedanke hat mich jahrelang verfolgt.“
*"1968 hat sich in Wirklichkeit erst 10 Jahre danach auf mein Leben ausgewirkt. Ich habe das Buch 'Die Kinder von Torremolinos' von James Michener gelesen und bin dann mit meinem Freund auch zur Costa del Sol gefahren. Auf dem Strand dort haben wir alles getroffen, was meine Mutter so verteufelt hat: Hippies, Drop-outs, Kriegsdienstverweigerer und Sinnsuchende aller Art.“
twoblogs - 21. Apr, 10:55
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michi_k. (anonym) - 22. Apr, 11:48
"In Torremolinos, da gibt es nur Musik am Strand und junge Menschen, die ihren Kalender vergessen haben“. was michener beschrieben hat, war sein eigener mythos und hat nichts mit der realität zu tun. denn es war keineswegs ein „Refugium für jene, die dem Wahnsinn der Welt entgehen wollen". ich habe mich anfang der 70er jahre dort aufgehalten. da wars ganz hübsch, billig, aber auch langweilig. jahre danach genauso. nur der massentourismus hat zugenommen.
creature - 22. Apr, 13:04
Liberté, égalité, fraternité
ich war 68 auch ein drop-out und hippie, warum?
weil ich nicht so leben wollte und konnte wie die menschen die um mich waren.
diese bewunderung für leute wie, bürgermeister, pfarrer, doktor oder schuldirektor war mir sehr suspekt, wenn ich mir diese versteinerten, strengen gesichter ansah verging mir jede lebenslust.
dieses leben für andere statt sich selbst, immer der hinweis was der und der erreicht hat, was für schönes haus die gebaut haben, was für "saubere" und guterzogene kinder die hatten, wie brav sie in den sonntagsgottesdienst gingen, das wurde natürlich auch von mir erwartet, da krampfte sich mein magen ein.
diese gläubigkeit was in der zeitung oder in büchern steht, eine eigene meinung war fremd, alles gestohlen und vorgekaut, da mußte man ausbrechen sonst drohte lebenslange agonie an die man sich gewöhnt und noch glaubt nun gehöre man zu den guten.
nein, das war und ist auch heute noch immer nichts für mich.
weil ich nicht so leben wollte und konnte wie die menschen die um mich waren.
diese bewunderung für leute wie, bürgermeister, pfarrer, doktor oder schuldirektor war mir sehr suspekt, wenn ich mir diese versteinerten, strengen gesichter ansah verging mir jede lebenslust.
dieses leben für andere statt sich selbst, immer der hinweis was der und der erreicht hat, was für schönes haus die gebaut haben, was für "saubere" und guterzogene kinder die hatten, wie brav sie in den sonntagsgottesdienst gingen, das wurde natürlich auch von mir erwartet, da krampfte sich mein magen ein.
diese gläubigkeit was in der zeitung oder in büchern steht, eine eigene meinung war fremd, alles gestohlen und vorgekaut, da mußte man ausbrechen sonst drohte lebenslange agonie an die man sich gewöhnt und noch glaubt nun gehöre man zu den guten.
nein, das war und ist auch heute noch immer nichts für mich.
tinius - 29. Apr, 07:18
Ich bin zwar auch Jahrgang 1960, aber ich kann mich an die 68er ff. kaum wirklich erinnern. Zwar war mein erstes bewußtes TV - Erlebnis der Trauerzug Adenauers (1967), doch alles andere Politische / Gesellschaftliche kann ich erst irgendwann in den Siebzigern verorten - Vietnamkrieg, Willy Brandt etc.

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