Dr. G – Medical Team (Symbolfoto)

Edith hat sich das Fotos ausgesucht; also wird es auch gewisse Ähnlichkeiten geben. Es ging dabei auch um diese Art Heiligenschein, den sie sich niemals zusprechen lassen würde. Ich sagte daher: Strandkorb. Oder auch zerdellter Mond mit Halo. Dazu der rötliche Lichtschimmer, der von einer Wärmelampe kommen könnte, die sie gern benützt, um sich zu entspannen, wenn Schmerzen im Anmarsch sind.
Edith liebt überhaupt Rotlicht, solches, wie sie es in der Dunkelkammer gebraucht hat. Sie hatte eine Phase, wo sie ihre Fotos selbst entwickelt hat, schwarz-weiss. Dieses Fotos war ja ursprünglich auch fast schwarz-weiss, weshalb auch das weisse Kreuz auf den Haaren viel deutlicher zu sehen war. Und die Haare: zwei dichte schwarze Strähnen zu beiden Seiten des Gesichts. So eine Frisur hatte sie lange. Da war sie aber auch auf eine ganz helle Haut eingestellt, heller als ihr Naturteint. Dem hat sie eben nachgeholfen.
Wenn ich sie schminken würde, würde sie bald dieser Frau gleichen. Die Augen würde ich vielleicht noch dünkler hervorheben; den Mund noch eine Spur leuchtender rot.
Ich liebe diesen Augenblick, wo sie sich den Lippenstift mit einer Taschentuch abwischt. Manchmal verschmiert sie ihn nur, nicht aus Unachtsamkeit, aus Ungeduld, auch um einen Moment lang nicht diese tüchtige. stets hilfsbereite, stets aufmerksame, stets zuhörende Therapeutin zu sein. Ich verstärke sie darin, sich fallen zu lassen und den momentanen Impulsen nachzugeben.
Da steigt ein sehr warmes Gefühl in mir auf, wenn sich ihre Augen mit Tränen füllen und die Tränen dann schwarze Spuren auf ihren Wangen hinterlassen. Abtupfen, zärtlich. Vorher aber dieser schöne Anblick: sie, die immer Selbstbeherrschte, auf eine gewisse Weise in Auflösung begriffen. Dass ihr schöner Mund jetzt keine präzisen Konturen mehr hat, mehr oder minder formlos geworden ist. Dass die Wangen so voller dunkler Rinnspuren sind. Dass ihre Haare nicht mehr so geordnet eine strenge Frisur bilden, sondern ganz aus der Fassung geraten sind. Ich konnte nicht anders, ich habe sie zerrauft. Nur eine kleine Erregung, der ich eben nachgeben musste.
Es gibt ja genug Situationen, in denen Schmerz und Müdigkeit in den Vordergrund treten; auch Lähmung und Ratlosigkeit. Daher liebe ich es, wenn Edith ihre offizielle Maske fallen lassen kann und ihre momentanen leidenschaftlichen Kraftquellen die Oberherrschaft gewinnen.
Sie lächelt so schön mit ihrem verschmierten Mund, inmitten dieser zerronnenen Wimperntusche. Jetzt ist dieser Moment vorsichtiger zärtlicher Annäherung gekommen, wenn sie mir ihren Mund hinhält und ich ihn mit mehr Druck, als vielleicht nötig wäre, und mit einem innigen Blick in ihre Augen von den Lippenstiftspuren reinige.
twoblogs - 21. Mrz, 12:27
9 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
books and more - 21. Mrz, 16:09
Das ist ein sehr intimer und schöner Text!
Frage am Rande und weil sie mich selbst beschäftigt: Haben Sie Bedenken, wenn Sie in Ihrem Blog Intimes über andere Personen schreiben (wie hier über Dr.G), Anonymität hin oder her?
Frage am Rande und weil sie mich selbst beschäftigt: Haben Sie Bedenken, wenn Sie in Ihrem Blog Intimes über andere Personen schreiben (wie hier über Dr.G), Anonymität hin oder her?
twoblogs (anonym) - 21. Mrz, 19:49
Ich habe IMMER Bedenken, lieber Bux. Aber: ich schrieb ja auch: "Symbolfoto". Vielleicht sind es nur "Symbolgefuehle", "Symbolintimitaeten"...
PS: Andererseits: worin anders sollte der besondere Reiz (Mut, Uebermut...) liegen als in der Enthuellung des Verhuellten, und zwar so, dass es - auf eine gewisse Weise - verborgen bleibt? ;-) (Aber dadurch erst glaubhaft und wirklich wird!)
PS: Andererseits: worin anders sollte der besondere Reiz (Mut, Uebermut...) liegen als in der Enthuellung des Verhuellten, und zwar so, dass es - auf eine gewisse Weise - verborgen bleibt? ;-) (Aber dadurch erst glaubhaft und wirklich wird!)
schneck06 (anonym) - 21. Mrz, 16:25
ungemein zärtlich.
twoblogs (anonym) - 23. Mrz, 13:23
Schon. Aber aus der - oertlichen - Distanz auch etwas zu intim. (So wechseln die Gefuehle.)
twoblogs (anonym) - 23. Mrz, 13:25
PS: Bei der Verglaublichung der Wahrheit durch die Niederschrift bleibe ich trotzdem.
schneck06 (anonym) - 23. Mrz, 13:39
ach! gefühle wechseln doch immer...:-)
twoblogs (anonym) - 24. Mrz, 10:59
Ja, Gefuehle, ach, sind meist von kurzer Dauer und bei mir sehr intensiv, Schneck; im Moment gibt es kein Entkommen; das ist auch das Schöne, auch bei denen, die Unlustcharakter haben. Derzeit überwiegen diejenigen, die Lust bewirken, wobei im Hintergrund eine gewisse Verärgerung verhanden ist, was in meinen falschen Erwartungen in die Witterung begründet ist. Ostern sollte weder weiss noch gewittrig noch in Schauern ertraenkt sein. Ist doch so, oder?

Trackback URL:
http://twoblogs.twoday.net/stories/4787395/modTrackback