Das Saugen des Säuglings

W-2008-01-23-kabelsalat-buecher

Einmal pro Woche kommt eine Putzfrau ins Haus und will immer auch meine Zimmer putzen. Überall darf sie hinein, nur nicht in mein Arbeitszimmer!

Dr. G.: Audrii, ich glaub, du brauchst dieses Chaos zum Arbeiten.
Ich: Ich sehs gar nicht mehr.
Dr. G.: Auch den Staub nicht?
Ich: Wo ist denn hier Staub?
Dr. G.: Es soll ja Frauen geben, die dreimal am Tag saugen.
Ich: Ich saug viel öfter. Aber hier an der Wasserflasche. Look, hear - its my feeding bottle!
Dr. G.: Bereits das Saugen des Säuglings an der Mutterbrust ist eine sexuelle Handlung.
Ich: Vermisse ich jetzt Sex oder die Brust meiner Mutter?
Dr. G.: Neinnein, du handelst vernünftig, in deinem Rahmen natürlich. You are feeding your brains, dear.

*

Nachsatz: Ich bin ja wirklich erstaunt, dass ich so funktioniere. Na, wie denn? Dass ich von einem meiner völlig harmlosen Bücherstapel gleich auf Chaos und Staub abschweife; und von da zur Mutterbrust hin.

Dazu fällt mir - und dabei denke ganz und gar Sie, liebe Leserin, und Sie, lieber Leser - etwa Folgendes ein: Als Säugling will der Mensch instinktiv aus der Brust der Mutter Nahrung aufnehmen und ihre körperliche Nähe und Geborgenheit spüren.

Ich fühle mich in diesem derzeit etwas chaotischen Zimmer geborgen. Ich fühle die Nähe meiner Mutter, die 1000 km entfernt lebt, mehr als 10 Stunden Autofahrt. Ich telefoniere mit ihr häufig. Jetzt ist sie mir sehr nahe, beim Wort saugen kam dieses Gefühl auf, wie es ist, aus der Mutterbrust Milch zu saugen. Ich sauge auch Milch aus der Saugflasche, manchmal Wasser, manchmal Milch. Ich sauge, ohne daran zu denken, dass ich sauge.

(Und plötzlich betrachte ich die Kabel als Saugschläuche. Sie nicht?)

Ich denke nach, ich sitze auf diesem schönen schwarzen, sehr beweglichen Bürostuhl, wippe nach vorne und zurück, nach rechts und nach links. Häufig notiere ich etwas. Zwischendurch sauge ich. Links die Saugflasche, recht der Fineliner. Jetzt denke ich auch an Sie, als jemanden völlig Unbekannten, eine Person, der ich mich plötzlich sehr nahefühlen könnte. Dieser Gedanke elektrisiert mich.

Ihnen zuliebe werde ich mich jetzt wieder einmal umziehen, vielleicht sogar ein paar Foto von mir machen - und sie meiner Mutter schicken!

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