Freitag, 25. Januar 2008

Das Saugen des Säuglings

W-2008-01-23-kabelsalat-buecher

Einmal pro Woche kommt eine Putzfrau ins Haus und will immer auch meine Zimmer putzen. Überall darf sie hinein, nur nicht in mein Arbeitszimmer!

Dr. G.: Audrii, ich glaub, du brauchst dieses Chaos zum Arbeiten.
Ich: Ich sehs gar nicht mehr.
Dr. G.: Auch den Staub nicht?
Ich: Wo ist denn hier Staub?
Dr. G.: Es soll ja Frauen geben, die dreimal am Tag saugen.
Ich: Ich saug viel öfter. Aber hier an der Wasserflasche. Look, hear - its my feeding bottle!
Dr. G.: Bereits das Saugen des Säuglings an der Mutterbrust ist eine sexuelle Handlung.
Ich: Vermisse ich jetzt Sex oder die Brust meiner Mutter?
Dr. G.: Neinnein, du handelst vernünftig, in deinem Rahmen natürlich. You are feeding your brains, dear.

*

Nachsatz: Ich bin ja wirklich erstaunt, dass ich so funktioniere. Na, wie denn? Dass ich von einem meiner völlig harmlosen Bücherstapel gleich auf Chaos und Staub abschweife; und von da zur Mutterbrust hin.

Dazu fällt mir - und dabei denke ganz und gar Sie, liebe Leserin, und Sie, lieber Leser - etwa Folgendes ein: Als Säugling will der Mensch instinktiv aus der Brust der Mutter Nahrung aufnehmen und ihre körperliche Nähe und Geborgenheit spüren.

Ich fühle mich in diesem derzeit etwas chaotischen Zimmer geborgen. Ich fühle die Nähe meiner Mutter, die 1000 km entfernt lebt, mehr als 10 Stunden Autofahrt. Ich telefoniere mit ihr häufig. Jetzt ist sie mir sehr nahe, beim Wort saugen kam dieses Gefühl auf, wie es ist, aus der Mutterbrust Milch zu saugen. Ich sauge auch Milch aus der Saugflasche, manchmal Wasser, manchmal Milch. Ich sauge, ohne daran zu denken, dass ich sauge.

(Und plötzlich betrachte ich die Kabel als Saugschläuche. Sie nicht?)

Ich denke nach, ich sitze auf diesem schönen schwarzen, sehr beweglichen Bürostuhl, wippe nach vorne und zurück, nach rechts und nach links. Häufig notiere ich etwas. Zwischendurch sauge ich. Links die Saugflasche, recht der Fineliner. Jetzt denke ich auch an Sie, als jemanden völlig Unbekannten, eine Person, der ich mich plötzlich sehr nahefühlen könnte. Dieser Gedanke elektrisiert mich.

Ihnen zuliebe werde ich mich jetzt wieder einmal umziehen, vielleicht sogar ein paar Foto von mir machen - und sie meiner Mutter schicken!

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books and more - 25. Jan, 19:23

Auch bei mir scheinen Arbeit und Chaos in einer gewissen Beziehung zu stehen. Ordnung ist zwar schön, um mein Material zu finden, aber wenn's dann mal losgeht, bin ich immer schnell bei einem Zustand, der Ihren Fotos doch sehr nahekommt (wenn meine Bücherreihen auch nicht so schön psychedelisch aurisieren wie Ihre, und mein Kabelsalat seit neuestem hinter dem Zweitmonitor ganz gut versteckt ist).

Ordnung entsteht dann in der entstehenden Arbeit, meist auf dem Bildschirm. Wie's drumherum ausschaut ist mir dann erst mal ziemlich wurscht - und so schaut's dann auch aus!

twoblogs - 26. Jan, 10:52

Sie haben mir ja eine gewisse Leidenschaft im Ordnen durch Ihre Vorher-Nachher-Fotos suggeriert. Deshalb kann ich mich auch immer wieder an Ihren Bemühungen delektieren. Da liegt die Versuchung nahe, das als beispielhaften Allgemeinzustand und nicht als ständigen Versuch einer Annäherung an eine umfassendere Ordnung zu betrachten.

Der wirkliche Kabelsalat befindet unter meinem Hubtisch (den ich hier vorgefunden habe), allerdings auf einem rosa(!) Tablett und gut sichtbar, wenn ich den Stuhl ein wenig zurückschiebe. Theoretisch ist es eine gute Einrichtung, sowohl im Sitzen als auch im Stehen arbeiten zu können. Allerdings hebt er sich zwar von selbst; doch die Sitzhöhe muss ich ihn mit ziemlicher Kraftanstrengung (mit meinem Fliegengewicht) hinunterzudrücken.
Beruhigend, dass auch bei Ihnen ein bedeutender Unterschied sein kann zwischen Bildschirm- und Zimmerordnung!

PS: „psychedelisch aurisieren“ – haben Sie das so gemeint:

To fathom hell or soar angelic
just take a pinch of psychedelic?
books and more - 26. Jan, 11:59

Da können Sie sich ganz beruhigt in ihre Kleiderberge sinken lassen: Auch bei & in mir ist's nicht so clean und viereckig wie auf dem (wieder mal ziemlich eingestaubten) Bildschirm.
Sie haben auch klarsichtig erkannt, dass es bei diesem Aufräumen hier um eine 'umfassendere Ordnung' geht, um Spiegelungen des Inneren bzw. Faktoren, die dem Inneren von außen her, wie ich festgestellt habe, wohltun. Auch der spielerische Aspekt bei diesen Vorher-Nachher-Bildchen gefällt mir :-)
Was mich jetzt ans LEGO-Spielen als Kind erinnert. Ich mochte es, zu sortieren, oder das Aufräumen in ein fortgesetztes 'Spiel' einzubauen, indem ich z.B. die vielen im Zimmer verteilten Bausteinchen mit einem eigens dafür zusammenimprovisierten LEGO-Bagger zusammenschob. Was mich an manche Farbzusammenstellungen bei den LEGO-Steinen denken läßt, die ich mied. Weiß und Gelb z.B., ebenso Blau und Gelb nebeneinander verursachten mir ein geradezu körperliches Gefühl. Ein unangenehmes Ziehen.
Orange dagegen ist wunderbar. Gab es leider nie. Hätte es orangene LEGO-Steine gegeben, hätte ich mir einen Sack davon zu Weihnachten gewünscht.

Danke für den Hinweis auf das klassische kleine Gedicht zum Stichwort 'psychedelisch'. Schon wieder was gelernt. Ich meinte damit in Bezug auf Ihre Fotos die Farben: die 'ein wenig anders & bunter als normal' sind; und auf das Stichwort 'Aura' brachten mich die lichtbetonten Kanten der Gegenstände, die sozusagen ein wenig über sich selbst hinausleuchten.

Mit 'pinches' gleichwelcher Substanzen habe ich allerdings so gut wie keine Erfahrung.
twoblogs - 26. Jan, 21:53

Einen „angestaubten Bildschirm“ hätte ich Ihnen wirklich nicht zugetraut! Danke, das beruhigt! ;-)

Ein wichtiger Punkt für mich wäre noch: „dem Inneren ... von außen her wohl tun“. Dazu trägt das manchmal stattfindende mehrmalige Umziehen tatsächlich auch bei. Wobei der Spiegel – d i e s e r Spiegel! – eine bedeutende Rolle spielt. Und es müssen ja nicht gleich „Kleiderberge“ sein, um das zu praktizieren. Wie viele Kleidungsstücke "verbrauchen" Sie denn im Lauf der Woche?

books and more - 27. Jan, 22:57

Kleidung? Im Moment sitze ich im übertragenen Sinn vor dem übervollen Kleiderschrank und kann mich *hachgottchen* nicht entscheiden. Will heißen: ich schreibe gerade ein Profil für (m)eine Website und habe einen Bildschirm voller Profil-Dateien aus verschiedenen Bewerbungsverfahren und Selbstdarstellungen und Zeiten ... Daraus soll nun EINE Garderobe für den aktuellen Anlass werden ... Wer bin ich, wie will ich wirken, was nehm ich, was nicht, welcher Schwerpunkt ist hier gefragt oder geeignet?

Eine Kondensierungs-Arbeit. Und kreativ auch, denn das Ganze soll dann auch ein guter Text sein und einen eigenen passenden Schwung und Ton haben ...

Das ist die letzte Datei, die noch fehlt, dann ist das ganze orangene Ding fertig und die leuchtende Frucht kann auf den Marktplatz kullern ...

Dann wird hier erst mal richtig aufgeräumt ;-)
twoblogs - 27. Jan, 21:24

Ich habe als Kind nicht Lego gespielt, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Aufräumen musste ich schon: Räum dein Zimmer auf, räum deine Schulsachen auf, räum die Schultasche ein, der Boden ist kein Kleiderschrank, hast du den Papierkorb schon ausgeleert usw.
Anscheinend haben da zukünftige Männer einen Vorteil, weil sie das Bauen und Räumen schon von klein auf spielerisch eingetrichtert bekommen. ;-)
Interessant finde ich, was Sie über Ihren Farbensinn schreiben, also den für Sie auch physisch spürbaren Effekt von einander in Ihrem Empfinden schlagenden provozierenden Farben. Ich habe und hatte Lieblings-, aber keine Hassfarben.
Dass Sie auf Orange so abfahren, gefällt mir natürlich sehr. Auch deshalb, weil mir schon überlegt hatte, das Bloglayout zu modifizieren. Jetzt wird mir auch klar, lieber Bux, warum so oft Orange auf Ihren Bildchen zu sehen ist!

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