Abendglanz, Abendglut

Unlaengst beim Diplomingenieur: Er hatte schon gegessen, was mich erstaunte, und begruendete den Hungeranfall mit der vielen Arbeit und der Ablenkung durch die Handwerker, die er in der vergangenen Woche hier in seiner Dachbodenwohnung beaufsichtigen musste. Er hatte sich naemlich in den Kopf gesetzt, von einem vergroesserten Fenster aus eine Plattform zu errichten, von der aus er den Hof und die gegenueberliegenden Balkone ueberblicken und sich dabei auch sonnen konnte; aber auch zu seinem Minigarten hinueber, wo er inzwischen das Gruene um ein paar Quadratzentimeter vergroessert hatte.
Er bat mich, ihm ueber eine senkrecht stehende, aus duennen Eisenstaeben zusammengeschweisste "Leiter" zu folgen. Wohin geriet ich da? Er stand in der Mitte einer Auskragung in der Groesse meines Klos, rundherum noch ungesichert. Ich weigerte mich hinauszutreten. Er lachte und wollte mir nicht glauben, dass ich nicht schwindelfrei bin. Daher machte ich einen kleinen Schritt zu ihm hin und schloss die Augen.
Was auch immer er vermutet hat: mich erfasste eine ploetzliche Sehnsucht nach Susanne, die mit einer anderen in einen italienischen Badeort gereist war. Meerrauschen, Meerwind, Salzwasser und Sand auf den Koerpern - das vermisste ich ploetzlich heftig. Ich musste mir die Traenen wegwischen, damit ich wieder etwas sah.
"Dein Abendglanz, deine Abendglut - nichts anderes akkumuliert sich in der Asche im Becher und im Alkohol in unserem Blut! (Wir ploetzlich trinkfesten, aus allen Oeffnungen rauchenden Agnostikerschneckinnen!)."
Danach habe ich noch drei, vier solche elegischen Saetze aus dem Gedaechtnis zitiert, mit vielen A, auch in der Erwartung, dieser vielseitige und generoes hausumbauende aeltere Herr wuerde mir applaudieren und fuer das, was in mir vorging, Verstaendnis aufbringen und mich auch troesten.
Zuhause fasste ich dann einen schnellen Entschluss: Ueber das Wochenende werde ich noch weniger schlafen und im voraus alles fuer die naechste Woche erledigen. Am Montag oder Dienstag werde ich um 19:30 in den Nachtzug steigen und am naechsten Tag als wahrscheinlich hoechst ueberraschende Erscheinung auf dem Strand vor dem vermutlich halbleeren Hotel auftauchen, den dann Susanne und Ashley nicht mehr beherrschen werden.
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Nachricht aus der Vergangenheit: Dienstag, 8. Juli 2008 „...komm, und lass uns baden in offener See!"
twoblogs - 9. Jul, 18:08
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