Freitag, 9. Juli 2010

Abendglanz, Abendglut



Unlaengst beim Diplomingenieur: Er hatte schon gegessen, was mich erstaunte, und begruendete den Hungeranfall mit der vielen Arbeit und der Ablenkung durch die Handwerker, die er in der vergangenen Woche hier in seiner Dachbodenwohnung beaufsichtigen musste. Er hatte sich naemlich in den Kopf gesetzt, von einem vergroesserten Fenster aus eine Plattform zu errichten, von der aus er den Hof und die gegenueberliegenden Balkone ueberblicken und sich dabei auch sonnen konnte; aber auch zu seinem Minigarten hinueber, wo er inzwischen das Gruene um ein paar Quadratzentimeter vergroessert hatte.

Er bat mich, ihm ueber eine senkrecht stehende, aus duennen Eisenstaeben zusammengeschweisste "Leiter" zu folgen. Wohin geriet ich da? Er stand in der Mitte einer Auskragung in der Groesse meines Klos, rundherum noch ungesichert. Ich weigerte mich hinauszutreten. Er lachte und wollte mir nicht glauben, dass ich nicht schwindelfrei bin. Daher machte ich einen kleinen Schritt zu ihm hin und schloss die Augen.

Was auch immer er vermutet hat: mich erfasste eine ploetzliche Sehnsucht nach Susanne, die mit einer anderen in einen italienischen Badeort gereist war. Meerrauschen, Meerwind, Salzwasser und Sand auf den Koerpern - das vermisste ich ploetzlich heftig. Ich musste mir die Traenen wegwischen, damit ich wieder etwas sah.

"Dein Abendglanz, deine Abendglut - nichts anderes akkumuliert sich in der Asche im Becher und im Alkohol in unserem Blut! (Wir ploetzlich trinkfesten, aus allen Oeffnungen rauchenden Agnostikerschneckinnen!)."

Danach habe ich noch drei, vier solche elegischen Saetze aus dem Gedaechtnis zitiert, mit vielen A, auch in der Erwartung, dieser vielseitige und generoes hausumbauende aeltere Herr wuerde mir applaudieren und fuer das, was in mir vorging, Verstaendnis aufbringen und mich auch troesten.

Zuhause fasste ich dann einen schnellen Entschluss: Ueber das Wochenende werde ich noch weniger schlafen und im voraus alles fuer die naechste Woche erledigen. Am Montag oder Dienstag werde ich um 19:30 in den Nachtzug steigen und am naechsten Tag als wahrscheinlich hoechst ueberraschende Erscheinung auf dem Strand vor dem vermutlich halbleeren Hotel auftauchen, den dann Susanne und Ashley nicht mehr beherrschen werden.

***

Nachricht aus der Vergangenheit: Dienstag, 8. Juli 2008 „...komm, und lass uns baden in offener See!"

Montag, 5. Juli 2010

Alpha, mein Schatz



Am Samstag schaute ich mir "Boxen im Zweiten" an, Ina Menzer gegen Jeannine Garside. Von Anfang an war ich automatisch auf der Seite von Garside, ganz im Gegensatz zu meinen frueheren Parteinahmen. Garside imponierte mir mit ihrer stuermischen Angriffslust, dem Schlaegereiartigen ihres Vorgehens. Mein Bauch verkrampfte sich waehrenddessen staendig reflexartig so, als wuerde sich ein Durchfall vorbereiten. Seltsamerweise dazu eine gewisse Neigung zur Hysterie - in diesem Sinn also hingerissen.

Ab und zu blitzte rot der Zahnschutz zwischen ihren Lippen auf. Dieses Bild legte sich ueber die Erinnerung an das letzte Treffen mit Susanne, und ich formulierte nochmals die Eloge, mit der ich sie vor einiger Zeit bedacht hatte:

"Mein Alphatierchen, meine Adamsapfeltraegerverdraengerin, meine allerliebste Anfaengerin, meine Apfelauslutscherin, mein zweibackiges Aepfelchen , mein Abbild aller Wuensche, der ich fuer alle meine Aberrationen geistiger und auch physischer Natur Abbitte leiste, freudigst, in aller gebotenen Anfaelligkeit fuer Aengste, Animositaeten und aufbrausende Abbrueche!

Von deinem Atem kann ich nicht absehen, ohne ihn kann ich nicht abnehmen, nicht selbst atmen, du meine Atemkuenstlerin, meine Atommillionaerrin!

Das ganze ABC wuerde ich fuer dich abbuessen, begnuege mich aber mit der Abendfeuchtigkeit des A, die sich von deinen Augen abtraeufelt! ---"

***

Nachricht aus der Vergangenheit: Samstag, 5. Juli 2008 Ich bin keine Suchmaschine

Donnerstag, 1. Juli 2010

Lamm der Unschuld



Lamm der Unschuld - wohin wird es getragen, von welcher Frau, die wie ein Geist ausschaut mit ihren schwarzen Lippen? Wer wird es zerteilen und essen? Und wer traegt das Fell als Muetze, wer als Teil eines Mantels?

Dieses Foto habe ich sowohl Alfons als auch dem Diplomingenieur vorgelegt. Die Antwort wuerden vielleicht einen Hinweis auf die moeglichen gemeinsamen Taetigkeiten in diesem Sommer geben, dachte ich. Unabhaengig von Susannes Gefuehlslage.

Alfons: Ostern ist ja schon lang vorbei, Audrii, aber Lamm Gottes... Ich moecht auch einmal ein Lamm haben, ein Lamm in meinem Bett, ist eine Kinderphantasie gewesen... Ich hab, ja, wirklich, ich hab damals jede Menge Laemmer gezeichnet, weil ich ja ein sehr frommes Lamperl sein wollt, aber kein Opferlamm, nicht dieser Stotterbub, der sich mit Haenden und Fuessen, na du weisst schon ... Lamm Gottes, aber besser: Lamm Teufels, das klingt wie eine Name, stell dir vor, ich heiss so: Lamm Teufels, was waer da fuer ein Mann draus geworden ... ok, waer das nicht ein Thema: Lamm Teufels? ... ja, da flippen die alle aus, jetzt am Ende des Semesters, da wirds eine Menge Umleitungen zu mir geben ... so beginnen die Ferien mit Arbeit.,.

Diplomingenieur: Stell dir einmal vor, Audrii, es war einmal ein Loewe, und dieser Loewe verliebt sich in ein Lamm. Aber das ist eine schwierige Geschichte, weil sich der Loewe als Nicht-Loewe entpuppt und das Lamm natuerlich als Nicht-Lamm, das Lamm wird ja auch ein wenig Loeweneigenschaften haben und der Loewe ein wenig Lammeigenschaften. Was nicht anderes bedeutet, als dass die Liebe bei beiden etwas entzuendet hat, das nicht mehr zu steuern ist. Was man auch so sehen kann: kaum ist der Funke uebergesprungen - was sich sich auch ein Loewe heftig wuenschen kann -, gibt es ein Tohubawohu von Gefuehlen, zumindest im Loewen, der dann zu bruellen beginnt und eine eindeutige Antwort vom Lamm verlangt, das aber nun schon Loeweneigenschaften hat, weshalb es zoegert und die ganze Verwirrung zu geniessen beginnt. Schlimm fuer den Loewen, oder?

***

Nachricht aus der Vergangenheit: Montag, 30. Juni 2008 Hase in Bernstein

Montag, 28. Juni 2010

About my hair



Ich verwende jeden zweiten Tag den Foen. Das haengt vor allem damit zusammen, dass die Haare deutlich laenger als die da auf dem Bild sind, etwas mehr als bis zu den Schulterblaettern. Nie waren sie schwarz oder dunkelbraun.

Ich verwende einen Foen mit „Ionentechnologie“, was die statische Aufladung deutlich reduziert, damit die elektrischen Schlaege, die ich ueberhaupt nicht mag. Er ist leicht genug, um damit koepfueber zu hantieren, ohne dass einem gleich die Hand abfaellt! Obwohl die Stufe 1 ledglich handwarm erscheint, genuegt das voellig. Die Haare glaenzen wieder, sind weich, und ich sehe danach nicht wie eine Windsbraut aus.

Ich ueberlege mir immer, wann und wo ich sie mir schneiden lasse. Schlechte Erfahrungen haben mich jedoch am Verstaendnis von Friseusen zweifeln lassen. Einen Finger breit heisst bei manchen: zwei, drei oder gar vier Finger. Manchmal hatte ich den Eindruck, die kuerzen und kuerzen, weil sie das Geraeusch der Schere high macht.

Apropos: Der Diplomingenieur hat jetzt seine Pruefungen bereits hinter sich, alle bestanden und ist bald ein Dipl.Ing.Mag.! (Oder Mag.Dipl.Ing-?)

Zur Feier ging ich mit ihm in ein Lokal. Dort liess ich, weil er sich das so gewuenscht hat, die Haare uebers Gesicht fallen, und zwar mit einem solchen Schwung, dass er geglaubt haben muss, ich will den Boden aufwischen ich hoerte von ihm ein ziemlich erschrockenes: Nicht!

***

Nachricht aus der Vergangenheit: Dienstag, 24. Juni 2008 (Sonnenstich, Blut, Ausschlag?)

Dienstag, 22. Juni 2010

Leider hatte ich wieder einmal kein Klopapier mehr zuhause!



Ich traeume nicht von einer solch endlosen Klopapierrolle. Wenn aber das Papier ausgeht, verwende ich Papiertaschentuecher, die es ja eine Weile stapelweise gibt, und greife dann, sollte ich aus Trotz oder Absenz kein Klopapier besorgt haben, auch gern zu Servietten.

Irgendein Billigtoilettenpapier verwende ich nur in Notfaellen, da ich das meist wie eine Behandlung mit Schleifpapier mit grober Koernung erlebe. Ich freue mich immer auf das von jeder Firma angekuendigte samtflauschige Erlebnis.

Seitdem ich mir einmal ein „Luxuspapier" namens „Tscharming“ gegoennt hatte, fuehrte daran kein Weg vorbei. Bis dahin war ich der Meinung, das Billigste tut auch seinen Zweck. Und ich nahm die Reaktion meiner sensiblen Haut als eine hoechst unangenehme, aber notwendige Begleiterscheinung in Kauf.

Nachdem diese Marke jedoch in meiner Naehe nicht mehr zu haben war, stieg ich auf „Huckle Superrflutsch“ um, was jedoch eindeutig ein Missgriff war. Denn das erwartete Superfluffy-Erlebnis blieb aus. Ich fuehlte mich verarscht, auch deshalb, weil ich aufgrund der Werbung Huckle sehr hoch angesetzt hatte: "etwas Besonderes zu einem besonderen Preis".

Inzwischen bin ich bei einem Schlucker-Papier gelandet: es ist tatsaechlich supersoft und vor allem reissfest, reisst also nicht an einer x-beliebigen Stelle, sodass Sie sich nicht nach jedem Klogang die Haende desinfizieren muessen. Die drei Lagen haften gut aneinander. Ein solches Papier erscheint in meiner Phantasie als ein Endlosband, das mir jederzeit dasselbe wohlige Befreiungsgefuehl vermittelt.

***

Nachricht aus der Vergangenheit: Sonntag, 22. Juni 2008 (Das ideale Fussballfeld)

Freitag, 18. Juni 2010

Ich wuensche mir einen Wunsch



Ich wuensche mir einen Wunsch und ein Ziel; davon werde ich heute Nacht traeumen, notierte ich am 18.5.2010 um 2:37, also vor einem Monat. Es kribbelte in meinen Haenden, und ich hoerte ein leises Rauschen, von dem ich im Moment glaubte, es komme von meiner Ueberspanntheit aufgrund des kurzen Schlafs am Tag davor.

Der heutige Traum war schoen und erkenntnisreich. Doch kein echter Nachttraum, sondern ein Tagtraumbild, das ich beim Lesen hatte, naemlich als ich das Umschlagbild des Kunstforum Nr. 202 sah, Titel: FIKTION DER KUNST DER FIKTION: ein Foto von Sophie Calle, die sich mit der ausgestreckten rechten Hand das rechte Auge zuhaelt.

Das linke sieht mich unentwegt an und verfolgt mich mit seiner unnachahmlichen Schoenheit auch dann noch, als ich meine Augen schon aufgeschlagen habe. Ein tiefer ruhiger gerader Blick, der sich des Blickens aller sie Anblickenden gewiss ist, in Erwartung dieser Blicke.

Ich schrieb, noch im Tagtraum, das Wort SORCIERE, das sicher nichts mit Sophie Calle zu tun hat, auf eine fiktive Tafel, also mit meinem rechten Zeigefinger in die Luft vor mir:



***

Nachricht aus der Vergangenheit:
: Donnerstag, 19. Juni 2008 (Blaue Audrey ...)

Montag, 14. Juni 2010

Nach Einbruch der Dunkelheit



Eine dieser schoenen. lichten, schwuelen Stunden, die wir uns nach einem so aprilhaften Mai wohl verdient haben - à la tombée de la nuit!

Was denkst du da? Denkst du an den Arm, der das Fenster oeffnet, ohne anzuklopfen? Denkst du an die Frucht, die diese Hand in sich verborgen haelt, um sie dann aufzumachen, wenn deren Ueberbringerin tatsaechlich vor dir steht?

Pathetische Fragen, die in mir prompt entstehen und mich vom banalen Colatrinkerinnenhintergrund abheben. Aber denke ich das wirklich?

Nein, denn irgendetwas in mir verspuert diese Anmutung eines Geschmacks auf der Zunge, wofuer es im Moment gar kein Wort gibt - kennen Sie das. Etwas Suessliches, leicht Bitteres, ein Nachgeschmack, der von einer unerfuellten Erwartung kommt. Eine Geschmacksirritation, eine zunehmend heftige Geruchshalluzination, eine pochende Gewaltphantasie, die sozusagen aus dem Nichts auftaucht (und schon ist es 4 Uhr morgens, und schon sind seit dem Einbruch der Dunkelheit fast 6 Stunden vergangen) - und es verschlaegt Ihnen die Sprache?

Suchen Sie weiter nach dem fehlenden Wort? Oder begnuegen Sie sich mit dem ploetzlichen Erschrecken darueber, dass Ihr Fenster gar nicht offen gewesen war und es jemand aufgedrueckt haben muss. Also, Audrey, spucks aus - wer wars?

***

Nachricht aus der Vergangenheit: Samstag, 14. Juni 2008 (Die Erde unter den Rosenstraeuchern)

Donnerstag, 10. Juni 2010

Hello, Audrey!



Ich weiss nicht mehr, woher ich dieses Foto habe, wer es mir geschickt hat. Aber ich finde es entzueckend.

Ich fuehlte mich sofort angesprochen, nicht nur weil ich meinen Namen da las, sondern auch deshalb, weil ja meine Namensgeberin auch in diesem Schaufenster aufscheint, wenn auch nur auf eine sehr ansprechende Weise als fliegender Engelskopf.

"Hello, Audrey!" Nie wuerde Susanne: Hello! zu mir sagen. Auch nicht: Hallo! schreiben, wenn sie ein Mail an mich beginnt. Niemand, der ein Mail an mich schreibt, schreibt: Hallo. Audrey...

"Hello, Audrey!" Ich stelle mir vor, Alfons haette das einmal gesagt, er hat ja immer wieder originelle Ideen. He-Kse, du kleine He-Kse! Oder He-Sin, He, suesse Sin, wo bleibst denn, He, warum kommst du nicht mit, He, warum hilfst du mir nicht beim Ausstellungsaufbau, He, warum hast du mich nicht rechtzeitig angerufen, damit ich dich abholen kann, He, warum willst du nicht die Studentenarbeiten mit mir besprechen, He, wer hat denn wieder einmal Heuschnupfen, He, du Schnepfe, du schnupfst ja entsetzlich, He, mit diesem Gesicht heiterst du mich wirklich nicht auf, lächeln, lächle, na usw.

Mehr Erfolg hat Susanne. wenn sie mir zufluestert: „For attractive lips, speak words of kindness, for lovely eyes, seek out the good in people, for a slim figure, share your food with the hungry, for beautiful hair, let a child run their fingers through it once a day, for poise, walk with the knowledge that you never walk alone. People, more than things, have to be restored, renewed, revived, reclaimed, and redeemed. Remember, if you ever need a helping hand, you will find one at the end of each of your arms. As you grow older, you will discover that you have two hands, one for helping yourself and the other for helping others.“

***

Nachricht aus der Vergangenheit:
Donnerstag, 12. Juni 2008 (Let my puppets come!)

Montag, 7. Juni 2010

Frau, die Treppe herabsteigend



So fuehle ich mich manchmal nach der Arbeit. Ich lasse mich mit dem Lift hinuntertransportieren, schleiche am Portier vorbei, trete auf die Strasse und werde sofort vom Verkehrslaerm mitgerissen, weitergedraengt, als wuerde mich ein starker Wind von hinten antreiben.

Je naeher ich zur U-Bahn-Station komme, desto kleiner werde ich. Ich spuere Kloetze in den Beinen, eine unangenehme Blutzirkulation. Mit jedem Schritt faellt mir das Gehen schwerer.

Ich trete auf die Stufen, ein Gewicht von oben drueckt mich zusammen, die schlechte Luft blaeht mich immer mehr auf.

Schliesslich - je weiter ich unten bin, desto mehr komme ich mir wie das Nachbild eines Fotos von mir vor aus der Zeit, als ich in einen Anfall pubertaerer Verzweiflung immer mehr zu essen begann. Ich ass nachts den Kuehlschrank leer, ohne dass Mutter das bemerkte.

Darauf folgte eine Phase, in der ich unbedingt wieder schlank werden wollte, sehr schlank. Ich wollte allen Ballast abwerfen, weshalb ich begann, das Essen mittels Dulcolax wieder hinauszubefoerdern. Le mal de vivre!

Zuerst das schlechte Gewissen bei den Fressattacken; dann der Schmerz bei der medikamentoes bewirkten Entleerung. Sehr sehr schwankende Tage, sehr schwankendes verunsichertes Leben einer Sechzehnjaehrigen. Une jeune fille très très triste! Eigentlich sollte mich nichts mehr daran erinnern.

***

Nachricht aus der Vergangenheit: Samstag, 7. Juni 2008 (Table Dancers 2)

Samstag, 5. Juni 2010

Ein Mann, eine Frau - zwei Frauen!



Im Haus meiner Mutter gibt es viele Spiegel, im Bad gleich vier. Aber um mich von Seite anschauen zu koennen, muesste ich denjenigen an der linken Wand neben der Dusche erst einmal abmontieren und in die Hand nehmen. Der Hauptspiegel ist fuer kleinere Gaeste gekippt aufgehaengt. Deshalb muss ich, um mich ganz sehen zu koennen, immer etwas in die Knie gehen!

Dabei habe ich oefter an eine Notiz denken muessen, die ich jetzt nach einigem Suchen auf der Festplatte auch fand:

„Natuerlich waere es unnatuerlich, wenn diese Figur vor einem Spiegel stuende. Dann kann es keine Spiegelung sein, sondern eine raetselhafte Reihung. Stuende sie naemlich vor einem Spiegel bzw. einem besonderen Spiegelarrangement, wuerden wir ihr Gesicht als Gegenueber sehen und dessen weitere Spiegelungen, bis ins Unendliche. Hier aber schieben sich nur zwei Rueckenansichten hintereinander ins Blickfeld. Das erzeugt in mir eine gewisse Beunruhigung.

Vielleicht erregt es mich, jemandem von hinten zu beobachten, weil ich kein Gesicht sehen kann. Kein Augenpaar, keine Nase, keinen Mund. Ich kann Vermutungen anstellen, so viel ich will: es bleibt bei diesem behaarten Hinterkopf, dessen Schaedelform und Frisur fast derjenigen des Verfolgers oder der Verfolgerin gleichen.

Wahrscheinlich sind beide absichtlich so gekleidet und gekaemmt, dass das in mir einen keineswegs eindeutigen Eindruck ueber ihr Geschlecht erzeugen kann. Anscheinend war eine Taeuschung beabsichtigt; genauso wie der aufreizende Zwang zur Erkenntnis, dass sich eine solch raetselhafte Situation, ist sie einmal eingefroren, nicht mehr aendern wird.

Ist das jetzt eine Aufforderung zu einer mehr oder minder gewaltsamen Aktion, zum Umdrehen der Vorausgaengerin oder des Vorausgaengers? Peinlich waere es, wuerde sich diese nur als hoelzerne oder steinerne Marionette erweisen, kein Mienenspiel, kein Laut.“

Ich dachte auch einen Moment lang an Susanne, an unser oben zerstrahltes Doppel-Gesicht ganz nah an diesem Spiegel, als sie leichthin sagte: Waer doch wirklich schlimm fuer uns, wenn wir Zwillinge waeren, oder?

***

Nachricht aus der Vergangenheit: Dienstag, 10. Juni 2008 (Spiegelwesen, Schweinssoldaten, Fegefeuerteufel...?)

Sonntag, 30. Mai 2010

Neues vom Diplomingenieur



Es gab einen Knacks, voriges Wochenende, als der Diplomingenieur sagte, er muesse fuer seine Diplomarbeit lernen, seine Professorin komme zurueck, fuer mich habe er wahrscheinlich erst Ende Juni wieder Zeit. Ich schwieg beleidigt, er ebenfalls, ich hoerte ihn atmen, das war mir sehr unangenehm. Wir legten zur gleichen Zeit auf. Ich fuehlte Wut aufsteigen, auch auf mich, vor allem wegen meiner Unfaehigkeit, meine Wuensche direkt und unverbluemt auszusprechen.

Nach 3 Tagen rief ich ihn an. Er sagte: Audrey, ich bin grad beim Zaehneputzen. Ich hoerte, wie er seinen Mund ausspuelte. Nach einigem einigem Hin und Her erklaerte er mir noch einmal, er habe eigentlich keine Zeit. Trotzdem wuerde er mir den ganzen noch verbleibenden Abend widmen (ich dachte: ok, maximal bis zur letzten Strassenbahn) und mir auch ein Abendessen zubereiten.

Ich hatte mir seine Dachwohnung viel groesser vorgestellt, keineswegs Wohn- und Arbeitszimmer in einem und darin eine winzige Kochnische.

Ausserdem musste ich mein Bild von einer philosophischen Bibliothek gleich revidieren: an der Wand waren bei weitem weniger Buecher als in meinen Regalen, ich hatte mir doppelt so viele erwartet. Auf dem Tisch lag ein gelber Reclam-Kant: „Prologomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können“.

Der Diplomingenieur hatte inzwischen erfasst, wie hungrig ich war. Keine Kunst, nachdem ich ihm erklaert hatte, ich sei bis 19 Uhr unterwegs gewesen und haette waehrend der Schreibarbeit davor nur eine Kindermilchschnitte gegessen.

Ueberraschenderweise bestand das Abendessen, von dem ich mir ein deutliches Essvergnuegen versprochen hatte, nur aus einer Anzahl getoasteter Weissbrote mit diverser Schmiere drauf, also Topfen und Rot- und Weißschimmelkaesen. Ich glaube, meine Enttaeuschung hat er gar nicht bemerkt. Auch nicht, dass mich vom Sitzen auf dem niedrigen Stuhl bald der Bund einschnitt und ich darunter litt.

Ich wunderte mich ueberhaupt darueber, dass diese Raeumlichkeiten so wenig von dem enthielten, was ich ihnen aufgrund seiner kargen Aeusserungen angedichtet hatte: keine bequeme Sitzbank; keine Wand voller Fotos von Kindern und Frauen; und draussen keine Terrasse mit den vielen Pflanzen, von deren Versorgung schon mehrmals geredet worden war: Meine Wohnung ist sehr gruen, Sie werden es sehen.

Es gab nur einen Minibalkon, mit Minigruenpflanzen und ein paar Steinen, was er seinen Steingarten nannte. Das Biotop, von dem er auch geschwaermt hatte, war eine runde weisse Plastikschuessel mit einer gruenen Wasseroberflaeche: Meine private Algenbluete.

Als ich gegen Mitternacht ging, war ich froh, dass ich mich ueberwunden hatte, ihn zuhause zu besuchen. Andererseits war er die ganze Zeit auf einem Flirttrip, waehrend ich mir ueberlegte, wie ich ihm meine Grenzen klarmachen konnte. Ich verschob es ein weiteres Mal, ihm von Susanne, Alfons etc. zu erzaehlen. Vielleicht, dachte ich, berechnend wie ich bin, springt im Juni doch noch ein Theaterbesuch heraus!

Dienstag, 25. Mai 2010

Zwei Augen Apfel. 21.01.2010



Dieser Apfel kam damals rein zufaellig in meine engere Wahl. Ich hatte seine Besonderheiten erst zu Hause bemerkt. Dann aber war er der Koenig fuer die naechsten Wochen. Denn ich legte ihn zuerst auf einen roten Satinpolster; spaeter auf einen grossen weissen Teller, um alle Veraenderungen beobachten zu koennen.

Ich widerstand der Versuchung, ihn zu zerschneiden, damit seine beiden Gehaeuse sichtbar wurden. Da er jedoch nur einen Stengel hatte, war es noch schwieriger, das Geheimnis in seinem Innern nicht lueften zu wollen.

Um mich abzulenken, versuchte ich, mich an einige Experimente zu erinnern, die wir im Gymnasium gemacht hatten. Bei einem sollten wir aus einer Kartoffel zwei gleichgroße vierkantige Streifen zu schneiden. Einen sollten wir in ein Gefaess mit Wasser legen und den anderen in eines, in dem sich eine gesaettigte Zuckerloesung befand. Am naechsten Tag sollten wir erneut Masse und Gewicht aufschreiben und die Fragen beantworten: Welcher Streifen hat sich veraendert? Sollte einer kleiner geworden sein - warum?

PS: Das folgende Experiment konnte ich bisher leider nicht machen. Schade!

Donnerstag, 20. Mai 2010

Mit geschlossenen Augen



Ich hatte damals eine kurze Pause eingelegt, um meine verkrampften Finger zu entspannen und dachte dabei an ein Foto, das ein japanisches Maedchen mit geschlossenen Augen in einem Aufzug zeigt - die rauscht an mir vorbei, in ihrem Schulanzug, und bleibt doch stehen, ohne mich anzuschauen! Dann schrieb ich weiter:

"PS: Ohne ein Kalkuel zerfliesst alles ins Gestaltlose. Daher legte ich mich auch neben der Mutter in den Sarg. Daher schrieb ich Susanne eine unmögliche, hier noch nicht veroeffentlichte Liebeserklaerung mithilfe des Buchstaben A.

Auch das hier an Sie schreibe ich voller Kalkuel. Ich habe dabei auch eine Person vor Augen, die mir der inzwischen leider deaktivierte Steppenhund vor einer Woche als seine Vision beschrieben hat: eine junge Frau in der U-Bahn, heftigst gepierct, mit wegstehenden Kegelstueckchen. Wie ein Igel, schrieb er, der sich gegen jeden Zugriff wehren will. Auf der Rolltreppe schimpfte er sich einen Narren, was mich geruehrt hat, als ich das las.

Inzwischen habe ich mich selbst in der U-Bahn umgeschaut, was ich ja sonst nicht tue. Ich fahre wie in einem Kokon. Bei diesen Temperaturen nehme ich noch immer den schwarzen Ledermantel, der so weich ist, dass ich dauernd darueber streichen koennte. Zugleich denke ich an S., ihr langes dünnes rotes Wollkleid, dass sie darin jetzt frieren wuerde, an die Schatten, die ein Licht von schraeg links oder rechts oben darauf erzeugt, an ihre liebevollen Schutz suggerierende Koerperlichkeit.

Deshalb schelte ich mich aber sicher niht eine naerrin , auch deshalbt nich,t, weil iche micha aufs Tiopppen mit geschloessenen Augen eingelassen ud amit allesmeine Gehler, auch meign unschuldiges Kalkuel,, vori Ihnnen glossgelegt habe."

Dienstag, 18. Mai 2010

Die Fehler der Blogistin



Am 13.5. schrieb ich einen Blindtext, keinen wirklichen, denn da wuerde sich das Lorem ipsum besser eignen.

Der Einfall war mir schon gekommen, als ich einmal ein von Alfons geschenkte A4-Buch in einem Restaurant vor mir hatte. Anfangs wollte er mir Anweisungen geben; das stellte er aber gleich wieder ein, weil ich darauf nicht reagierte.

Der Blindtext hier wurde zur Gaenze mit geschlossenen Augen geschrieben. Sie haetten ca. 60 % falsch geschriebene Woerter vorgefunden. Deshalb habe ich ihn bearbeitet und damit fuer Sie auf Anhieb lesbar gemacht.

„ Momentan sitze ich vor dem PC und versuche blind zuschreiben. Es gelingt, denke ich, und Sie merken meine Sinnlichkeit daran, dass Sie die Rechtschreibfehler wahrnehmen.

Ich habe die Augen noch immer geschlossen, weil ich Ihnen meinen blinden Genuss vermitteln will. Es regnet, ich hoere den Regen, sehr angenehm, es rinnt, es ist mein eigenes Rinnen.

Vorhin lag ich im Bett, frei und leicht, und dachte an nichts. Dann kam mir aber „Vorhang auf“ in den Sinn, Titel eines Texts, den ich kurz davor gelesen hatte, und fragte mich, was denn mein „Vor-hang“ sei und ob ich damit zufrieden sein koenne.

Mein erster Vorhang ist meine Haut - damit bin ich nicht zufrieden. Ich finde sie voller Makel, zwar glatt im Gesicht, aber an anderen Stellen "verbesserungswuerdig", genauso wie das formgebende Fleisch darunter und der Knochenbau.

Mir kommen die Finger immer wieder durcheinander, ein sehr sinnliches Gefuehl, dazu ein leichter Aerger, weil ich mir doch mehr Blindschreibkompetenz zugetraut hatte.

Draussen grollt es leise. Das Klappern der Tastatur wirkt sehr nahe, und daraus erzeugt sich die Frage: Was nuetzt alle Sinnlichkeit, wenn der Sinn nur ein Schein sein soll? ..."

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Was nuetzt der schoenste "Bauch" - ohne Liebes-"Hauch"!
bonanzaMARGOT - 5. Jul, 22:45
Die Verbindung zu den...
Die Verbindung zu den „Koerperwelten“ ist...
twoblogs - 2. Jul, 12:01
Das Foto steht. „Brennende...
Das Foto steht. „Brennende Giraffen“ muss...
taintedtalents - 1. Jul, 16:32